
Im Blätterboten habe ich erzählt, wie sich YouTube für mich verändert hat — wie aus einem Versprechen der Teilhabe ein Algorithmus wurde, der laut einer 2018 öffentlich genannten Zahl von YouTubes eigenem Produktchef zu 70 Prozent entscheidet, was Nutzer überhaupt zu sehen bekommen, und wie die DALIB „Di“-Formate trotz aller Kürze oft noch zu lang scheinen für einen Feed der auf Reaktion optimiert ist.
Was ich dort nicht erzählt habe, sind die Zahlen dahinter. Und was ich daraus über mich selbst gelernt habe — jenseits der Plattformlogik.
Die Zahlen, die niemand zeigt.
Ich tracke nicht systematisch. Ich habe weder die Zeit noch — ehrlich gesagt — den Nerv, jeden Post in eine Tabelle einzutragen. Aber ein grobes Bild habe ich trotzdem, und ich teile es hier offener als ich es sonst tun würde, weil ich glaube, dass es wichtig ist.
Meine Long-Form-Videos — die ausführlichen, die mit der meisten Vorbereitung, dem meisten Schnitt, dem meisten „Aufwand“ — laufen fast nie gut. Zehn bis zwanzig Aufrufe sind normal. Nicht die Ausnahme. Der Durchschnitt.
Die kurzen Formate — die DALIB „Di“-Clips, von denen ich im Blätterboten geschrieben habe, Shorts, Reels — schwanken wild. Manchmal zweihundert bis neunhundert Aufrufe, ein paar Likes, gelegentlich ein, zwei neue Abonnenten. Und dann, beim nächsten Video, demselben Format, ähnlichem Thema: zehn Aufrufe. Manchmal auch Vierzig. Ich habe kein Muster gefunden. Wirklich keins. Uhrzeit, Thema, Länge, erster Satz — nichts davon erklärt verlässlich den Unterschied.
Das bestätigt etwas, das ich im Blätterboten nur angedeutet habe: Der Algorithmus belohnt nicht einfach Kürze. Er ist nicht nur unfair gegenüber dem, was Zeit braucht — er ist auch unberechenbar innerhalb dessen, was er angeblich belohnt. Selbst zwei nahezu identische kurze Videos können vollkommen unterschiedlich performen. Das macht es fast unmöglich, sich wirklich anzupassen, egal wie sehr man es versucht.
Und ich bin nicht allein damit.
Vor einigen Wochen habe ich mit einem Autorenkollegen gesprochen. Er schreibt seit über einem Jahr, hat ein fertiges Buch, postet regelmäßig, macht alles „richtig“ im Sinne dessen, was Ratgeber empfehlen — Konsistenz, Hashtags, Community-Engagement.
Sechs Bücher hat er in diesem Jahr verkauft.
Ich erzähle das nicht um ihn bloßzustellen — im Gegenteil, Bei mir „läuft“ es ja nicht wesentlich „besser“ oder anders. Und bei anderen Autorenkollegen zeichnet die Realität ein ähnliches Bild. Ich erzähle es, weil mich dieses Gespräch sehr berührt hat. Da saß jemand mit echtem Talent, echter Beharrlichkeit, echter Hingabe — und das System hat ihm in zwölf Monaten sechs Verkäufe gegeben.
Was mich an diesem Gespräch am meisten beschäftigt hat, war nicht die Zahl selbst. Es war wie er davon erzählte. Nicht verbittert. Nicht aufgebend. Eher mit einer Art müder Klarheit, die ich inzwischen selbst kenne. Als hätten wir beide unabhängig voneinander dieselbe Erkenntnis-Ebene erreicht: Das hier funktioniert nicht so, wie man uns erzählt hat, dass es funktionieren sollte.
Das bestätigt mir auch das, was ich über meine eigenen Bücher schon angedeutet hatte: Kein einziges Exemplar hat bisher seinen Weg über einen digitalen Kanal zu jemandem gefunden. Mein Kollege hat dieselbe Erfahrung, nur in Zahlen die noch deutlicher sprechen. Wir sind keine Ausnahme. Wir sind, glaube ich, eher die Regel — nur dass die Regel selten ausgesprochen wird, weil die wenigen Ausreißer die Geschichten erzählen, die alle hören wollen.
Was Aikido mir darüber beigebracht hat.
Ich praktiziere Aikido erst seit Kurzem. Ich sage das bewusst, weil ich kein Experte bin und nicht so tun möchte, als wäre ich seit Jahrzehnten in dieser Praxis verwurzelt. Aber selbst in der kurzen Zeit habe ich ein Prinzip verstanden, das mein Verhältnis zum Algorithmus verändert hat — und das die Frage beantwortet, die ich im Blätterboten nur kurz ausgeführt habe: Mache ich etwas falsch?
Im Aikido kämpft man nicht gegen die Kraft des Gegners. Man widersteht ihr nicht direkt. Man nimmt die Energie auf, lenkt sie um, lässt sie fließen — anstatt sich ihr entgegenzustellen.
Am Anfang habe ich versucht, gegen den Algorithmus zu kämpfen. Mehr posten. Bessere Hooks. Kürzere Intros. Ich habe mich an Regeln gehalten, die ich in Creator-Ratgebern gefunden habe, in der Hoffnung dass Anpassung zum gewünschten Ergebnis führt — genau die Anpassung von der ich im Blätterboten geschrieben habe.
Das hat nicht funktioniert. Und ich glaube inzwischen, ich weiß auch warum.
Gegen ein System anzukämpfen, das per Design unberechenbar ist, ist wie gegen eine Kraft anzukämpfen, die man nicht greifen kann. Oder wie Don Quichotte gegen die berühmten Windmühlen. Es gibt keinen Widerstand zum Umlenken. Es gibt nur Erschöpfung.
Was ich stattdessen langsam lerne — und ich bin noch mittendrin, das ist kein abgeschlossener Prozess — ist etwas anderes: Nicht mit dem System ringen. Sondern parallel zu ihm existieren. Es nutzen, wo es nützt. Es loslassen, wo es nicht trägt. Ohne Groll. Ohne den Versuch, es zu kontrollieren.
Das ist die Antwort auf „dem falschen Medium ausgesetzt“ — der Satz mit dem ich die Kolumne im Blätterbote beendet habe. Nicht das Universum ist falsch. Nicht ich bin falsch. Das Medium passt nur nicht zu dem, was wachsen will. Und gegen diese Tatsache zu kämpfen, das kostet mehr als sie einfach zu akzeptieren.
Was bleibt?
Ich poste nicht mehr für den Algorithmus. Das ist die eigentliche Veränderung der letzten Wochen.
Was bleibt, ist Sichtbarkeit dort wo sie wirklich etwas bedeutet: eine kurze Ankündigung wenn eine neue Ausgabe des Blätterboten oder neue Artikel des Wurzelboten erscheinen. Ein Hinweis wenn etwas Neues entsteht — eine Figur, ein Buch, ein Format. Und ein täglicher Gruß in Form einer digitalen Postkarte.
Mehr nicht.
Der eigentliche Ort an dem das Herzbaum-DALIB-Universe wächst, ist nicht mehr der Feed. Es ist hier. Es ist der Blätterbote, der Wurzelbote — Orte an denen Tiefe nicht bestraft wird, sondern der Grund ist warum jemand wiederkommt.
Sechs Bücher in einem Jahr sind für meinen Kollegen kein Scheitern — sie sind sechs Menschen die ein Buch in den Händen halten das ohne ihn nicht existieren würde. Und die Menschen, die diese Zeilen gerade lesen, sind für mich kein Algorithmus-Ergebnis. Sie sind Menschen die sich bewusst entschieden haben herzukommen.

Quelle: Herzbaum-DALIB-Universe
KI-generiert mit GPT Image 2 unter Verwendung eines Original-Fotos von Marcus Dominic Timm
Das ist mehr wert als jede Reichweite, die ein System mir geben könnte, dass ich ohnehin nicht kontrollieren kann.
Der Wurzelbote ist das rollende Themenmagazin des Herzbaum-DALIB-Universe. Neue Artikel erscheinen wöchentlich, passend zu den Ausgaben des Blätterboten. Den Blätterboten gibt es kostenlos auf https://hdu-niverse.de/blaetterbote .
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