06 – Nick empfiehlt: Johann Hari: Abgelenkt. Wie uns die Konzentration abhandenkam und wie wir sie zurückgewinnen

Bücher, die man liest und dann weglegt. Und es gibt Bücher, die man liest und merkt, dass man anschließend die Welt anders sieht — nicht dramatisch anders, nicht in einem Moment der Erleuchtung, sondern in der Art, wie man morgens nach dem Aufwachen zum Telefon greift und plötzlich bemerkt, was man da eigentlich gerade tut.

„Abgelenkt“ von Johann Hari ist für mich ein solches Buch. Nicht weil es einfache Antworten gibt. Sondern weil es die richtigen Fragen stellt — und weil der Mut, den der Autor aufbringt, um diese Fragen zu beantworten, selten ist.


Wer ist Johann Hari?

Johann Hari ist britischer Investigativjournalist und schreibt unter anderem für den Guardian und die Huffington Post. Von Amnesty International wurde er zweimal als Zeitungsjournalist des Jahres ausgezeichnet. Seine TED-Vorträge wurden bislang mehr als 70 Millionen Mal aufgerufen. „Abgelenkt“ ist sein drittes Buch — nach Werken über Drogensucht und Depression — und setzt damit eine Reihe fort, in der er gesellschaftliche Phänomene des 21. Jahrhunderts untersucht, für die wir kollektiv noch keine wirklich wirksamen Antworten gefunden haben.

2011 wurde bekannt, dass Hari in mehreren Interviews Textpassagen aus anderen Quellen übernommen und als direkt geführte Gespräche ausgegeben hatte. Zudem hatte er unter falscher Identität Wikipedia-Einträge über seine Kritiker bearbeitet. Er beendete daraufhin seine Zusammenarbeit mit dem Independent und gab den 2008 verliehenen Orwell Prize zurück. Seither konzentriert sich Hari auf Bücher.

Das ist kein Zufall. Hari interessiert sich nicht für leicht lösbare Probleme. Er interessiert sich für die Fragen, bei denen die offensichtlichen Antworten — mehr Disziplin, mehr Willenskraft, mehr Selbstkontrolle — zwar verlockend, aber falsch, sind.


Der Ausgangspunkt: Ein persönliches Problem, das keines ist…

Das Buch beginnt mit einem Selbstversuch. Hari merkt, dass er sich nicht mehr konzentrieren kann. Er nimmt sein Telefon in die Hand, ohne zu wissen warum. Er beginnt einen Satz, verlässt ihn, kehrt zurück, verlässt ihn wieder. Er hält ein Gespräch, aber ein Teil seines Gehirns ist schon woanders. Er fühlt sich wie in einem Zustand dauerhafter geistiger Zerstreutheit — und er glaubt zunächst, dass das seine ganz persönliche Schwäche ist.

Also tut er das, was Menschen tun, wenn sie glauben, dass ein persönliches Problem persönliche Lösungen braucht: Er macht einen Entzug. Drei Monate in Provincetown, Massachusetts — einer kleinen Küstenstadt am Atlantik. Handy und Laptop in einem Tresor in Boston. Keine sozialen Medien, keine E-Mails, kein Internet. Nur Spaziergänge, Gespräche, Bücher, Schreiben.

Was passiert, ist bemerkenswert. Nach einigen quälenden Tagen kehrt etwas zurück, das Hari kaum noch kannte: tiefe Konzentration. Die Fähigkeit, sich stundenlang mit einem einzigen Gedanken zu beschäftigen. Erholsamer Schlaf. Kreativität. Eine Art geistiger Stille, die er sich nicht mehr vorstellen konnte.

Und dann kehrt er zurück in die normale Welt — und innerhalb von Wochen ist alles wie vorher.

Das ist der Ausgangspunkt des Buches: Der Entzug hilft. Aber er löst das Problem nicht. Weil das Problem nicht persönlicher Natur ist.


Die Kernthese: Ein Systemproblem

Was Hari in den folgenden drei Jahren Recherche herausfindet — durch Reisen von Silicon Valley über eine Favela in Rio bis zu einem Büro in Neuseeland, durch Gespräche mit führenden Forscherinnen und Forschern aus Neurowissenschaft, Psychologie, Soziologie und Technologie — ist, dass der Verlust der kollektiven Konzentrationsfähigkeit kein persönliches Versagen ist. Es ist das vorhersehbare Ergebnis eines Systems, das präzise darauf ausgelegt ist, Aufmerksamkeit zu stehlen.

Das ist die zentrale These des Buches, und sie ist radikal in ihrer Konsequenz: Wer glaubt, sein Konzentrationsproblem mit mehr Selbstdisziplin lösen zu können, kämpft mit Willenskraft gegen ein milliardenschweres, jahrzehntelang optimiertes System, das genau diese Willenskraft systematisch untergräbt. Das ist ungefähr so, als würde man sich vornehmen, durch Willenskraft nicht mehr hungrig zu sein.

Die McDonald’s-Analogie, die Hari in einem Interview beschreibt, ist aufschlussreich: Niemand hat einen Masterplan ausgeheckt, um die Aufmerksamkeit der Welt zu untergraben. Die Designer dieser Technologie dachten anfangs, dass sie etwas Gutes tun. So wie die Gründer von McDonald’s keinen bösen Plan hatten, Menschen fettleibig zu machen. Doch an einem bestimmten Punkt kommen die Unternehmen in eine moralische Verantwortung.


Die zwölf Ursachen

Hari identifiziert zwölf Faktoren, die unsere kollektive Aufmerksamkeit verschlechtern. Nicht alle sind technologisch. Schlaf, Ernährung, körperliche Bewegung, die Struktur von Schule und Arbeit — all das spielt eine Rolle. Aber Social Media und die Architektur digitaler Plattformen nehmen einen zentralen Platz ein.

Besonders eindrücklich ist das Kapitel über Aza Raskin — den Erfinder des Infinite Scrolling, mit dem Hari ausführlich spricht. Raskin beschreibt, wie er das Infinite Scrolling 2006 in wenigen Tagen entwickelte, ohne nachzudenken. Die Funktion, die heute Milliarden von Menschen in einem permanenten Scroll-Loop hält, entstand aus technischer Bequemlichkeit, nicht aus einem Plan zur Verhaltensmanipulation. Und trotzdem: Der Effekt ist derselbe.

Hari beschreibt außerdem den sogenannten „Switch-Cost“-Effekt: das Hin- und Herwechseln der Aufmerksamkeit zwischen Aufgaben kostet nicht nur Zeit, sondern Konzentration. Hari zitiert eine Studie, wonach 136 Studierende, die während eines Tests gelegentlich Textnachrichten erhielten, rund 20 Prozent schlechter abschnitten als jene, die ungestört arbeiteten. Dieser Effekt akkumuliert: Wer täglich hunderte Male zwischen Aufgaben, Apps und Benachrichtigungen wechselt, befindet sich in einem Dauerzustand kognitiver Erschöpfung.

Ein weiterer Befund, der mich persönlich am meisten überrascht hat: Hari verweist auf eine vielzitierte, methodisch später relativierte Studie, wonach der IQ von Testpersonen in einer ungestörten Umgebung rund zehn Punkte höher liegt als bei jenen, die von Anrufen und Nachrichten abgelenkt werden — mit dem Vergleich, dass Cannabis den IQ demnach um etwa fünf Punkte senkt, dauernde digitale Unterbrechung also mehr.


Was das Buch nicht ist

„Abgelenkt“ ist ausdrücklich kein Selbsthilferatgeber. Das ist wichtig zu verstehen — und es ist die Entscheidung, die das Buch von vielen anderen in diesem Genre unterscheidet.

Hari hat selbst zahlreiche individuelle Strategien ausprobiert — Handy-Safes mit Zeitverriegelung, Digital-Detox-Perioden, App-Sperren. Er beschreibt sie im Buch. Und er sagt ausdrücklich: Sie helfen kurzfristig, aber sie lösen das Problem nicht nachhaltig. Weil das Problem nicht dort liegt, wo diese Lösungen ansetzen.

Systemische Probleme brauchen systemische Lösungen. Das ist der zentrale Satz des Buches. Und er hat weitreichende Konsequenzen: Nicht du bist schuld, wenn du dein Telefon nicht weglegen kannst. Das Telefon — oder genauer: die Architektur der Plattformen darauf — ist so gebaut, dass du es nicht weglegen kannst. Die Lösung kann nicht allein in deiner Willenskraft liegen, weil Willenskraft eine erschöpfbare Ressource ist und das System eine erschöpfliche Ressource dauerhaft angreift.


Die politische Dimension

Was das Buch weiterdenkt, ist die Verbindung zwischen kollektivem Aufmerksamkeitsverlust und politischen Konsequenzen. Hari berichtet, ein Drittel aller Menschen, die Neonazi-Gruppen auf Facebook beigetreten sind, hätten das laut seiner Recherche getan, weil der Algorithmus dies ausdrücklich empfohlen hatte. Kombiniert man die Verstärkung von Extremem durch Algorithmen mit dem Verlust der kollektiven Fähigkeit, komplexe Informationen zu verarbeiten und nuancierte Argumente zu folgen, entsteht ein politisches Problem, das weit über persönliche Bildschirmzeiten hinausgeht.

Was passiert mit einer Demokratie, deren Bürgerinnen und Bürger kollektiv immer weniger in der Lage sind, sich länger als ein paar Minuten mit einem komplexen Thema zu beschäftigen? Was passiert mit dem öffentlichen Diskurs, wenn der Algorithmus systematisch jene Inhalte bevorzugt, die die kürzeste Aufmerksamkeitsspanne bedienen? Hari beantwortet diese Fragen nicht definitiv — aber er stellt sie mit einer Ernsthaftigkeit, die selten ist.


Warum ich dieses Buch empfehle — und warum es zu dieser Ausgabe passt

Ich sage selten, dass ein Buch genau zum richtigen Zeitpunkt erscheint. Bei „Abgelenkt“ sage ich es.

Es erschien 2022, als die Debatten über Social Media zwar schon vorhanden waren, aber die wissenschaftliche und journalistische Auseinandersetzung mit den strukturellen Ursachen noch in den Anfängen steckte. Mittlerweile bestätigen Studien wie die des DZPG, des DAK und zahlloser weiterer Forschungsgruppen, was Hari damals aus Gesprächen mit Forschenden destilliert hatte. Das Buch ist in seinen Kernthesen seither nicht widerlegt worden, im Gegenteil — es wurde bestätigt.

Was ich an „Abgelenkt“ besonders schätze, ist die Haltung, die es dem Lesenden gegenüber einnimmt: keine Schuld, keine Scham, kein erhobener Zeigefinger. Stattdessen: Verständnis für das, was passiert — und die Forderung, dass nicht der Einzelne die Konsequenzen eines systemischen Problems allein tragen soll.

Das ist, finde ich, eine der wichtigsten Haltungsverschiebungen, die ein Buch über Social Media und Aufmerksamkeit vornehmen kann. Und es ist eine Haltung, die ich teile.

Dass ich dieses Buch empfehle, obwohl sein Autor eine journalistische Vergangenheit mit Fragezeichen hat, ist eine bewusste Entscheidung: Die zentralen Thesen des Buches sind durch unabhängige Forschung inzwischen breit bestätigt, unabhängig davon, wie man zu Hari als Person steht. Bücher sind mehr wert als die Biografie ihrer Autor:innen — aber diese Biografie gehört zur Einordnung dazu, und deshalb steht sie hier.

Johann Hari — Abgelenkt. Wie uns die Konzentration abhandenkam und wie wir sie zurückgewinnen
Riva Verlag, München 2022. 368 Seiten. Erhältlich im Buchhandel.

Originaltitel: Stolen Focus. Why You Can’t Pay Attention and How to Think Deeply Again. Bloomsbury Publishing, 2022.


Der Wurzelbote ist das rollende Themenmagazin des Herzbaum-DALIB-Universe. Neue Artikel erscheinen wöchentlich, passend zu den Ausgaben des Blätterboten. Den Blätterboten gibt es kostenlos auf https://hdu-niverse.de/blaetterbote

Hinterlasse jetzt einen Kommentar

Kommentar hinterlassen

E-Mail Adresse wird nicht veröffentlicht.


*