07 – Die andere Seite: Was die Verteidiger sozialer Medien sagen — und warum man ihnen zuhören sollte

Eine Vorbemerkung: Dieser Artikel ist der erste in der Wurzelboten-Rubrik „Die andere Seite“. Er stellt Argumente vor, die ich nicht alle teile — aber die ich für zu gewichtig halte, um sie zu ignorieren. Wer nur die Kritik an Social Media kennt, versteht das System nicht vollständig. Wer die Gegenargumente nicht kennt, kann keine echte Position einnehmen. Darum gibt es diese Rubrik.


Der übrige Artikel dieses Themen-Blocks zu Social-Media bisher sind, wenn man ehrlich ist, eine Anklage. Sie beschreiben Suchtmechanismen, Demokratiegefährdung, Überwachungskapitalismus, algorithmische Manipulation, den Verfall der Aufmerksamkeit. Sie tun das auf der Grundlage realer Forschung — aber die Artikel erzählen nur eine Seite.

Es gibt noch eine andere…

Nicht die Unternehmenskommunikation von Meta oder TikTok. Nicht die PR-Texte der Silicon-Valley-Konzerne. Sondern die ernsthafte, wissenschaftlich fundierte Verteidigung sozialer Medien — vorgetragen von Menschen, die sich genauso intensiv mit dem Thema beschäftigt haben wie die Kritikerinnen und Kritiker. Diese Argumente verdienen Gehör. Nicht weil sie die Kritik entkräften — das tun sie in den meisten Fällen nicht. Sondern weil die Wirklichkeit sozialer Medien komplexer ist als jedes einzelne Narrativ.


Argument 1: Social Media hat echte Demokratisierung bewirkt

Das zentrale Versprechen sozialer Medien — jedem Menschen eine Stimme zu geben ist nicht gebrochen worden. Es ist erfüllt worden. Nur nicht für die Menschen, für die die Kritiker es sich erhofft hatten.

Prof. Dr. Stefan Stieglitz von der Universität Potsdam und Dr. Annika Baumann vom Weizenbaum-Institut betonen, dass Social-Media-Plattformen ein enormes Potenzial für den sozialen Zusammenhalt haben. Sie bieten einen niedrigschwelligen Zugang, um über öffentliche Themen zu kommunizieren und sich zu artikulieren. Das soziale Kapital von Menschen, die früher keinen Zugang zu öffentlichen Debatten hatten, hat sich messbar erweitert.

Wem war dieser Zugang zur Öffentlichkeit in der Vor-Social-Media-Ära vorbehalten? Journalistinnen und Journalisten mit Festanstellung. Schriftstellern mit Verlagen im Rücken. Politikerinnen und Politikern mit Parteistrukturen. Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern mit institutionellen Affiliationen. Der öffentliche Diskurs war — trotz aller normativen Ideale — ein Diskurs der bereits Privilegierten.

Social Media hat das verändert. Eine Handwerkerin in einer Kleinstadt kann heute ihr politisches Urteil öffentlich machen. Eine Schülerin kann eine Bewegung initiieren — Greta Thunberg war fünfzehn Jahre alt, als sie mit einem Schulstreik und einem Instagram-Account den Anstoß für eine globale Klimaschutzbewegung gab. Ein Vater in Lagos kann Bilder seiner toten Tochter zeigen (und auf sein Leid aufmerksam machen), die ohne Social Media nie die Welt gesehen hätte. Das sind, seien wir ehrlich, keine Kleinigkeiten.

Das Max-Planck-Institut für Bildungsforschung hat in einer der umfassendsten Studien zu digitalen Medien und Demokratie — veröffentlicht 2023 und 2025 repliziert (mit Daten bis 2024) — explizit festgehalten: Digitale Medien fördern politische Partizipation und erleichtern den Zugang zu Informationen. Die Studie kommt auch zu negativen Befunden — aber sie beginnt mit dieser Feststellung. Und das ist kein Zufall.


Argument 2: Für marginalisierte Menschen ist Social Media oft nicht Problem, sondern Rettung

Das ist das Argument, das in der öffentlichen Debatte am meisten ignoriert wird — und das mich persönlich am meisten beschäftigt.

Für Menschen, die in ihrem unmittelbaren sozialen Umfeld allein sind — die in einer Kleinstadt leben, in der niemand wie sie ist, die eine seltene Krankheit haben, die niemand versteht, die eine Identität tragen, die ihr Umfeld nicht akzeptiert — ist Social Media keine Suchtfalle. Es ist ein Fenster in eine Welt, in der sie existieren dürfen.

Für marginalisierte Gruppen wie LGBTQ+-Personen, Jugendliche mit Krebserkrankungen und Jugendliche mit psychischen Erkrankungen werden als Vorteile der onlinebasierten Vernetzung die erlebte Anonymität, die einfache Zugänglichkeit zu Informationen und das Vernetzen mit anderen, die ähnliche Erfahrungen gemacht haben, beschrieben.

Quelle: Herzbaum-DALIB-Universe
KI-generiert mit Nano Banana Pro

Ich spreche hier über etwas, das ich aus eigener Erfahrung kenne. Aufzuwachsen als schwuler Mensch in einer Zeit und einem Umfeld, in dem das grundsätzlich kein Normalzustand war, bedeutete eine bestimmte Art von Isolation. Social Media hat diese Isolation für Generationen nach mir strukturell verändert. Ein queerer Teenager in einer bayerischen Kleinstadt findet heute auf Instagram Menschen wie sich — Menschen, die dieselben Fragen stellen, die beweisen, dass er nicht allein ist. Das ist nicht trivial. Das ist in manchen Fällen buchstäblich lebensrettend.

Dasselbe gilt für chronisch kranke Menschen, deren Symptome niemand kennt. Für seltene Erkrankungen, die keine lokale Selbsthilfegruppe rechtfertigen. Für Pflegende, die nachts um drei Uhr niemanden mehr anrufen können. Für Diaspora-Gemeinschaften, die Verbindung zu ihrer Herkunft suchen. Social Media hat für all diese Menschen etwas geschaffen, das vorher nicht existierte: erreichbare Gemeinschaft.


Argument 3: Authentische Nutzung schützt vor Einsamkeit

Die öffentliche Debatte über Social Media und Einsamkeit klingt eindeutiger als die Forschung. Die Forschung ist aber differenzierter.

Wissenschaftlerinnen der Universität Southampton haben 57 Publikationen und 73 Einzelstudien systematisch ausgewertet. Das Ergebnis: Nahezu alle analysierten Studien zeigen, dass Menschen, die online Einblicke in ihr Leben geben, sich sozial verbundener fühlen. Schon kurze Updates aus dem Alltag reduzierten Einsamkeit und förderten das Gefühl von Zugehörigkeit — selbst dann, wenn keine Likes oder Kommentare folgten.

Das ist eine wichtige Differenzierung gegenüber dem Narrativ, Social Media mache grundsätzlich einsam. Was einsam macht, ist passiver Konsum — das stille Beobachten anderer, das Vergleichen, das Schweigen. Was verbindet, ist aktives authentisches Teilen. Der Unterschied liegt nicht in der Plattform, sondern im Nutzungsverhalten.

Das bedeutet nicht, dass das Design der Plattformen Menschen zu authentischer Nutzung einlädt — das tut es oft nicht. Aber es bedeutet, dass die Kausalität komplizierter ist als das Narrativ „Social Media macht einsam.“


Argument 4: Die moralische Panik — jedes neue Medium hat das erlebt

Quelle: Herzbaum-DALIB-Universe
KI-generiert mit Nano Banana Pro

Das historische Argument ist das philosophisch interessanteste. Und es wird von Kritikerinnen der Social-Media-Kritik regelmäßig vorgetragen.

Als das Buch erfunden wurde, warnten Philosophen vor dem Verlust des Gedächtnisses — wozu noch auswendig lernen, wenn man alles nachschlagen kann? Als der Buchdruck entstand, fürchteten Autoritäten den Kontrollverlust über Information. Als das Radio populär wurde, warnten Pädagogen vor dem Verfall des Lesens. Als das Fernsehen kam, sprachen Kulturkritiker von der „Verdummung“ der Massen. Als Videospiele entstanden, prognostizierten Wissenschaftler eine Generation der Gewalt.

Alle diese Warnungen enthielten echte Befunde. Und alle unterschätzten die Anpassungsfähigkeit der Menschen und der Gesellschaft.

Der Medienhistoriker Prof. Dr. Klaus Merten hat darauf hingewiesen, dass die Kommunikationswissenschaft seit ihren Anfängen eine Neigung hat, Wirkungen neuer Medien zu überschätzen und individuelle Resilienz zu unterschätzen. Die Fähigkeit von Menschen, neue Medien zu verstehen, mit ihnen adäquat umzugehen und zu nutzen, ohne von ihnen dominiert zu werden, ist historisch regelmäßig unterschätzt worden.

Das entkräftet die Suchtforschung nicht. Aber es lädt zur Vorsicht ein: Nicht jede negative Korrelation ist eine Kausalität, nicht jede Studie über Adoleszenz in der Social-Media-Ära kontrolliert alle anderen Variablen, und der historische Vergleich zeigt, dass gesellschaftliche Adaptation möglich ist.


Argument 5: Junge Menschen sind keine passiven Opfer

Ein weiteres Argument, das in der Debatte über Jugendschutz und Altersgrenzen oft vergessen wird: Jugendliche sind keine „tabula rasa“, die Social Media passiv aufnimmt.

Die Bertelsmann Stiftung hat 2025 in einer Studie zu politischen Inhalten auf TikTok und Instagram festgestellt: Mehr als jedes dritte Politikvideo auf diesen Plattformen behandelt Themen wie Regierung, Verwaltung und Wahlen. Social Media ist für viele junge Menschen der primäre Kanal politischer Information — und damit auch politischer Partizipation.

Eine Studie im Auftrag der Bertelsmann Stiftung von „Das Progressive Zentrum“ hat 2024 und 2025 gezeigt: Pro-demokratische und pro-soziale TikTok-Clips, die Ästhetik und Bedürfnisse von Jugendlichen aufgreifen, erweitern messbar Weltbilder und Werte. Bereits fünf Sekunden können wirken.

Das bedeutet: Dieselbe Plattform, die Extremismus und Desinformation verbreitet, verbreitet auch demokratische Inhalte — wenn diese Inhalte so gestaltet sind, dass sie die Sprache der Plattform sprechen. Das ist kein Freispruch für die Algorithmik. Aber es ist ein Hinweis darauf, dass die Plattform nicht determiniert, was auf ihr passiert.

Zudem: Etwa ein Drittel der Generation Z informiert sich 2024 fast ausschließlich auf sozialen Medien über politische Themen. Diese jungen Menschen zu schützen bedeutet nicht, sie von der Plattform fernzuhalten — es bedeutet, ihnen die Kompetenz zu geben, das richtig einschätzen zu können, was dort passiert.


Argument 6: Verglichen womit?

Das vielleicht schärfste Argument der Social-Media-Verteidiger lautet: Verglichen mit was genau ist Social Media schlechter?

Bevor Social Media existierte, gab es auch keine Idylle informierter, konzentrierter, verbundener Menschen. Es gab Boulevardjournalismus, Klatsch, Manipulation, Propaganda, Isolation, Desinformation — nur in anderen Formen. Die Aufmerksamkeitsspanne wurde durch das Fernsehen bereits vor Social Media verkürzt. Politische Manipulation gab es durch Radio und Presse lange vor Facebook.

Der Vergleich „Social Media vs. kein Social Media“ ist akademisch. Der realistische Vergleich ist „Social Media vs. andere Medien zur selben historischen Zeit“ — und da ist die Überlegenheit der Kritik an Social Media weniger eindeutig.

Was wäre der Alternative? Zurück zu einer Welt, in der drei TV-Sender und zehn Zeitungen entscheiden, was als Öffentlichkeit gilt? In der die queere Teenagerin in der Kleinstadt wieder allein ist? In der die Bürgerinnen und Bürger des Globalen Südens wieder unsichtbar sind?

Das ist kein Freifahrtschein für die aktuellen Missstände. Aber es ist eine Mahnung zur Nüchternheit: Wir reden nicht über eine Entscheidung zwischen Social Media und einer guten Alternative. Wir reden über eine Entscheidung, wie Social Media aussehen soll.


Was bleibt

Die Verteidiger sozialer Medien haben recht in einem Punkt, der in der Kritik oft verloren geht: Social Media ist kein monolithisches Übel. Es ist ein Werkzeug, das von denjenigen geformt wird, die es bauen, denjenigen, die es regulieren — und denjenigen, die es nutzen.

Die Mechanismen, die dieses Werkzeug missbrauchen — Suchtdesign, Überwachungskapitalismus, algorithmische Manipulation — sind real. Die anderen Artikel dieses Themen-Blocks haben das belegt. Aber sie sind nicht das Werkzeug selbst. Sie sind Entscheidungen. Und Entscheidungen lassen sich verändern.

Was die Kritik und die Verteidigung sozialer Medien verbindet, ist eigentlich dieselbe Grundforderung: Diese Plattformen könnten besser sein. Sie könnten das Versprechen der Verbindung einlösen, ohne die Mechanismen der Abhängigkeit zu aktivieren. Sie könnten Gemeinschaft ermöglichen, ohne Demokratie zu untergraben. Sie könnten Teilhabe schaffen, ohne Aufmerksamkeit zu stehlen.

Das ist keine naive Hoffnung. Es ist eine politische Forderung.

Und die ist es wert, sie zu stellen.


Der Wurzelbote ist das rollende Themenmagazin des Herzbaum-DALIB-Universe. Neue Artikel erscheinen wöchentlich, passend zu den Ausgaben des Blätterboten. Den Blätterboten gibt es kostenlos auf https://hdu-niverse.de/blaetterbote.


Quellen:

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