04 – Ein Blick ins Universum – 05 – Sozioökonomisch: Von der Postkarte zum Prompt: Die Ökonomie der KI-Fruchtvideos

Die erste Ausgabe dieses Themenblocks beschrieb, wie sich menschliche Aufmerksamkeit selbst in einen Rohstoff verwandelt hat, der sich sammeln, verarbeiten und verkaufen lässt. Die KI-Fruchtvideos sind die vielleicht konsequenteste, kleinteiligste Anwendung dieser Logik, die bislang zu besichtigen war: Wer verstehen will, warum ausgerechnet Obst und Gemüse zum Träger für Millionenreichweiten und rassistische Narrative wurden, muss nach dem Geld fragen — nicht nach dem Geld der KI-Industrie im Allgemeinen, sondern nach dem ganz konkreten wirtschaftlichen Kalkül, das speziell diesen Trend antreibt. Die Antwort führt überraschend weit zurück, bis ins 19. Jahrhundert.


Teil 1: Der Kollaps der Produktionskosten

Quelle: Herzbaum-DALIB-Universe
DALIB ist eine eingetragene Marke von Marcus Dominic Timm
KI-generiert mit Nano Banana Pro

2009 brauchte der YouTuber Dane Boedigheimer für sein „Annoying Orange“-Video wochenlange Handarbeit, eigene Videobearbeitungssoftware und persönliches komödiantisches Talent, um ein einziges virales Fruchtvideo zu produzieren. Die heutigen KI-Fruchtvideos benötigen dafür einen Prompt, wenige Minuten Rechenzeit und allenfalls noch etwas menschliche Auswahl der Erstellenden — mehr nicht. Dieser Kollaps der Produktionskosten ist die ökonomische Grundvoraussetzung für den gesamten Trend: Wo früher ein einzelner Kanal mit fester Crew ein Format über Jahre pflegte, kann heute im Prinzip jeder Einzelne mit einem Account Hunderte Varianten am Tag produzieren und testen, welche davon viral geht.

Wie schnell sich das auszahlen kann, zeigt der Account „ai.cinema021“: Er gewann mit seiner Parodie-Serie „Fruit Love Island“ — zweiminütige Mikro-Dramen mit Figuren wie „Bananito“ und „Strawberrita“, täglich neu veröffentlicht — innerhalb von nur neun Tagen mehr als drei Millionen Follower, einzelne Episoden erzielten über zehn Millionen Aufrufe, die Gesamtreichweite des Kanals lag bereits bei über 300 Millionen Aufrufen. Eines der am schnellsten wachsenden Phänomene, die TikTok bislang gesehen hat — produziert von im Kern einer einzigen Person mit Zugang zu KI-Videowerkzeugen.


Teil 2: Wenn Marken und Ersteller mitverdienen

Marken wie Ryanair und Samsung Belgien griffen die verwandte Italian-Brainrot-Ästhetik bereits in eigenen Marketingkampagnen auf — Ryanair etwa mit einem Video, das explizit auf den Trend anspielte und Millionen Aufrufe erzielte, weil das bewusst trashige Format zur „frechen“ Markenpersönlichkeit des Billigfliegers passte. Das ist ökonomisch folgerichtig: Wenn ein Format Millionen junger, aufmerksamer Augenpaare bindet, wird es für Werbetreibende automatisch interessant, unabhängig davon, welche gesellschaftlichen Nebenwirkungen es transportiert. Genau diese Logik erklärt auch den Vorfall um die Popsängerin Zara Larsson: Sobald eine öffentliche Figur mit wirtschaftlichem Eigeninteresse ein Format bewirbt, das gleichzeitig ethisch fragwürdige Inhalte trägt, wird die sonst unsichtbare wirtschaftliche Verflechtung zwischen Unterhaltung und gesellschaftlichem Schaden für einen Moment öffentlich sichtbar.

Um die Größenordnung der Anreize für einzelne Ersteller konkret zu machen: Für das TikTok Creator Rewards Program, dass eine Schwelle von 10.000 Followern und 100.000 Aufrufen innerhalb von 30 Tagen voraussetzt, berichten Creator von Auszahlungen zwischen umgerechnet rund 0,40 und etwa 1 US-Dollar pro 1.000 qualifizierten Aufrufen, in besonders engagierten Nischen mitunter auch etwas mehr. Rechnet man diese Spanne grob auf die rund 300 Millionen Aufrufe von „ai.cinema021“ hoch, ergäbe sich allein aus den Plattform-Auszahlungen ein Betrag im niedrigen bis mittleren sechsstelligen Dollar-Bereich — eine Größenordnung, die keine feste Crew, kein Studio und praktisch keine Vorlaufkosten voraussetzt, sondern im Kern einen Prompt und einen guten Instinkt für das, was der Algorithmus belohnt. Zusätzliche, oft deutlich lukrativere Einnahmen aus Markenkooperationen sind darin noch nicht eingerechnet.

Diese Zahlen erklären, warum das ökonomische Kalkül für einzelne Ersteller eindeutig zugunsten der Massenproduktion ausfällt: Ein einzelnes virales Fruchtvideo kann potenziell mehr einbringen als ein durchschnittlicher Monatslohn in vielen Weltregionen — bei Produktionskosten, die gegen null tendieren. Genau dieses Missverhältnis zwischen minimalem Aufwand und potenziell erheblichem Ertrag beschreibt der New Yorker Linguist Adam Aleksic, wenn er vielen KI-Slop-Erstellenden einen fehlenden ausgeprägten moralischen Kompass attestiert: keine grundsätzlich individuelle moralische Schwäche, sondern eine rationale Reaktion auf ein Anreizsystem, das genau dieses Verhalten belohnt.


Teil 3: Eine ökonomische Vorgeschichte, die 150 Jahre zurückreicht

Der eigentlich aufschlussreichste sozioökonomische Fund betrifft nicht die Gegenwart, sondern die Vorgeschichte des Symbols selbst. Das Wassermelonen-Stereotyp entstand nicht als beiläufige Bosheit, sondern als gezielte Reaktion auf einen wirtschaftlichen Erfolg: Nach dem Ende des Bürgerkriegs bauten befreite schwarze Amerikanerinnen und Amerikaner im Süden der USA Wassermelonen als Cash-Crop auf eigenem Land an und verkauften sie auf eigenen Märkten — für viele die erste Gelegenheit, eigenständig wirtschaftlich zu handeln. Die Pflanze war dafür besonders geeignet: Sie benötigt vergleichsweise wenig Kapital, wächst schnell und ließ sich direkt gegen Bargeld verkaufen, ohne den Umweg über die Baumwoll-Pachtsysteme, in die viele ehemals versklavte Menschen nach der Emanzipation erneut wirtschaftlich gezwungen wurden. Die Wassermelone wurde dadurch zu einem doppelt aufgeladenen Symbol: wirtschaftlich, weil sie tatsächlichen Wohlstand außerhalb der alten Machtstrukturen ermöglichte, und symbolisch, weil sie diesen Wohlstand öffentlich sichtbar machte.

Genau diese Selbstständigkeit war es, die weiße Karikaturisten im Süden der USA als Bedrohung empfanden — und ökonomisch zu bekämpfen versuchten. Die erste bekannte veröffentlichte Karikatur erschien 1869 in Frank Leslie’s Illustrated Newspaper. Was folgte, war keine vereinzelte Spottzeichnung, sondern eine regelrechte kommerzielle Industrie: Postkarten, Spardosen in Gestalt rassistischer Karikaturen sowie Markenprodukte wie die Pittsburgh-basierten „Mammy Brand“-Erdnüsse trugen das Motiv auf Tausenden Konsumgütern quer durchs Land. Das National Museum of African American History and Culture und das Jim Crow Museum of Racist Memorabilia an der Ferris State University dokumentieren übereinstimmend, wie systematisch diese Bildsprache in die Massenproduktion von Konsumgütern eingebettet wurde, um den wirtschaftlichen Erfolg schwarzer Amerikanerinnen und Amerikaner symbolisch zu untergraben.

Schon beim allerersten Auftreten dieses Stereotyps ging es also nicht um Geschmack oder Humor, sondern um eine wirtschaftliche Reaktion auf wirtschaftlichen Erfolg — verpackt in ein scheinbar harmloses Konsumgut. Bemerkenswert ist dabei auch die ökonomische Gegenreaktion: Als die Weltausstellung von 1893 in Chicago rassistische Wassermelonen-Karikaturen öffentlich zur Schau stellte, organisierten Bürgerrechtsaktivistinnen und -aktivisten einen Boykott — einen der frühesten dokumentierten Versuche, wirtschaftlichen Druck gezielt gegen eine kommerzialisierte rassistische Bildsprache einzusetzen. Die Auseinandersetzung um die Wassermelone war also von Anfang an auch eine wirtschaftliche: Erfolg, Gegenreaktion, Widerstand, alles auf derselben Marktebene ausgetragen.


Teil 4: Zwei Zeitalter, dieselbe Marktlogik

Vergleicht man die beiden Epochen direkt, zeigt sich eine bemerkenswerte Kontinuität in der Verteilung von Kosten und Nutzen. Damals verdienten Postkartenverlage und Konsumgüterhersteller an der massenhaften Reproduktion rassistischer Bildsprache, ohne selbst Urheber der zugrundeliegenden Ressentiments zu sein — sie belieferten lediglich eine bestehende Nachfrage. Heute verdienen KI-Plattformen über Aufrufzahlen und Werbeeinnahmen an denselben Bildmotiven, ohne dass ein Unternehmen wie TikTok selbst rassistische Absichten verfolgen müsste — es reicht, dass Nutzerinnen und Nutzer auf entsprechende Inhalte reagieren. Es gibt, mit anderen Worten, keinen einzelnen Verkäufer und keinen einzelnen Konzern, den man allein für das Fortbestehen dieser Bildsprache verantwortlich machen könnte — weder 1869 noch 2026.

Was sich dagegen fundamental verändert hat, ist die Geschwindigkeit, mit der diese Marktlogik heute arbeitet. Eine Postkarte aus dem späten 19. Jahrhundert musste gedruckt, physisch verteilt und über Wochen oder Monate verkauft werden, bevor sie eine nennenswerte Zahl von Menschen erreichte. Ein KI-Fruchtvideo erreicht dieselbe Größenordnung an Betrachtenden innerhalb weniger Stunden. Hinzu kommt eine neue, spezifisch datengetriebene Dimension: Kostengünstige Massenproduktion erlaubt es Erstellenden, verschiedene Varianten eines Inhalts gleichzeitig auszuprobieren, um empirisch zu testen, welche Version der Algorithmus bevorzugt priorisiert. Ökonomisch betrachtet ist das klassisches A/B-Testing, wie es aus dem Online-Marketing seit Jahrzehnten bekannt ist — nur dass hier nicht Kaufabschlussraten optimiert werden, sondern die Frage, welche Ausprägung eines rassistischen oder sexistischen Stereotyps die meiste Reichweite erzeugt. Eine Version mit einer besonders aggressiv codierten Figur, die nachweislich mehr Interaktion erzeugt als eine mildere Variante, wird in der nächsten Produktionsrunde bevorzugt reproduziert — nicht, weil ein Mensch bewusst entscheidet, mehr Stereotype zu produzieren, sondern weil ein datengetriebener Optimierungsprozess genau das als profitabelste Variante identifiziert. An der Entscheidung, ein solches Video am Ende auch zu veröffentlichen, ändert dieser automatisierte Prozess freilich nichts — die Verantwortung dafür liegt weiterhin bei den Erstellenden selbst.

Die Marktmechanik — Angebot folgt nachgewiesener Nachfrage, unabhängig von deren moralischer Qualität — ist über anderthalb Jahrhunderte im Kern identisch geblieben. Verändert hat sich nur die Infrastruktur, die diese Mechanik bedient: vom Postkartendruck zur Cloud-Rechenzentrum-gestützten KI-Generierung, vom lokalen Zeitungskiosk zum globalen Algorithmus, der in Echtzeit misst, welche Variante eines jahrhundertealten Vorurteils gerade am besten funktioniert.

Ökonomisch besonders aufschlussreich ist dabei, wer die Folgekosten trägt. Die Produktion eines KI-Fruchtvideos kostet, wie beschrieben, praktisch nichts. Die Kosten, die entstehen, wenn eine Plattform solche Inhalte im Nachhinein prüfen, einordnen und gegebenenfalls entfernen muss, tragen dagegen andere: Der globale Markt für Content-Moderationsdienste wird für 2026 auf knapp 14 Milliarden US-Dollar geschätzt. Diese Kosten fallen nicht bei den Erstellenden an, die für wenige Cent Rechenzeit ein virales Video produzieren, sondern bei Plattformen, Aufsichtsbehörden und letztlich der Gesellschaft, die die Folgen der verbreiteten Stereotype trägt. Diese Asymmetrie zwischen minimalen Produktionskosten und verteilten Folgekosten ist selbst ein sozioökonomisches Muster, das sich bereits bei den Postkarten des 19. Jahrhunderts beobachten ließ — nur dass die Kosten damals in Form von gesellschaftlicher Diskriminierung anfielen, statt in Form von Moderationsbudgets.


Teil 5: Ein Kontrast zur eigenen Wirtschaftlichkeit

An dieser Stelle lohnt sich ein kurzer Vergleich mit der ökonomischen Logik, die diesem Magazin selbst zugrunde liegt. Der Blätterbote und der Wurzelbote verfolgen bewusst das Gegenmodell zu dem hier beschriebenen System: kostenlos für die Leserschaft, ohne algorithmische Verstärkung reißerischer Inhalte, ohne den Anreiz, mit möglichst wenig Aufwand möglichst viel Aufmerksamkeit zu erzeugen. Diese Entscheidung hat einen Preis — sie skaliert nicht wie ein KI-generiertes Fruchtvideo und erreicht keine drei Millionen Follower in wenigen Tagen. Genau dieser fehlende ökonomische Zwang zur Skalierung ist aber die Voraussetzung dafür, ein Thema wie dieses mit der nötigen Sorgfalt zu behandeln, ohne selbst in dieselbe Anreizfalle zu geraten, die diese Ausgabe beschreibt.

Quelle: Herzbaum-DALIB-Universe
DALIB ist eine eingetragene Marke von Marcus Dominic Timm
KI-generiert mit Nano Banana Pro


Fazit: Was am Ende bleibt

Wenn das zugrundeliegende Geschäftsmodell — Nachfrage nach Stereotypen bedienen, unabhängig von deren Ursprung oder Wirkung — seit anderthalb Jahrhunderten im Kern unverändert ist, wirft das ein ernüchterndes Licht auf viele aktuelle Regulierungsansätze. Kennzeichnungspflichten, Streitbeilegungsstellen und Altersverifikationen adressieren die Geschwindigkeit und die Sichtbarkeit des heutigen Systems, nicht aber die darunterliegende Marktlogik selbst, die schon Postkartenverlage im 19. Jahrhundert profitabel bedienten. Eine Regulierung, die nur an der technischen Oberfläche ansetzt, ohne die ökonomische Grundmechanik zu adressieren, dürfte historisch betrachtet dasselbe Schicksal erleiden wie frühere Versuche, einzelne rassistische Konsumgüter zu ächten, während die zugrundeliegende Nachfrage weiterbestand: Das Motiv wandert einfach zum nächsten verfügbaren Trägermedium weiter.

Die sozioökonomische Perspektive zeigt damit, dass die KI-Fruchtvideos kein isoliertes, neuartiges Phänomen sind, sondern die jüngste Ausprägung einer wirtschaftlichen Logik, die weit älter ist als jede Kamera oder jeder Algorithmus: Rassistische Bildsprache lässt sich verkaufen, seit es einen Markt für Massenware gibt — ob auf einer Postkarte von 1869 oder in einem KI-generierten Video von 2026. Was sich geändert hat, ist nicht das Prinzip, sondern die Geschwindigkeit und die schiere Zahl der Menschen, die es heute in Tagen statt in Wochen konsumieren können. Es lohnt sich, bei jedem neuen viralen Trend, der harmlos oder komisch wirkt, kurz innezuhalten und zu fragen, wer eigentlich daran verdient — und wer am Ende die Rechnung bezahlt.

Was das Herzbaum-DALIB-Universe damit zu tun hat — und warum ein Wochenmagazin wie der Blätterbote bewusst eine andere Logik verkörpert — lest ihr im nächsten Artikel dieser Ausgabe.


Der Wurzelbote ist das rollende Themenmagazin des Herzbaum-DALIB-Universe. Neue Artikel erscheinen wöchentlich, passend zu den Ausgaben des Blätterboten. Den Blätterboten gibt es kostenlos auf https://hdu-niverse.de/blaetterbote .


Quellen:

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