03 – NICK – Ein Mensch. – Wovon ich kein Muster erkennen kann

Ich gebe es offen zu: Bei den Shorts verstehe ich es einfach nicht. Drei kurze Formate, dieselbe grobe Machart, ähnliche Themen, ähnlicher Aufwand — und trotzdem liegen die Ergebnisse manchmal so weit auseinander, dass ich am liebsten die Reihenfolge zweier Videos vertauschen würde, nur um zu sehen, ob sich dann etwas verändert. Mal läuft eins davon relativ gut. Beim nächsten, kaum anders gemacht, fast nichts. Ich suche seit Wochen nach einem Muster. Doch ich finde keins.

Das ist kein Klagelied über zu wenig Reichweite — damit könnte ich leben, das gehört dazu. Was mich eigentlich beschäftigt, ist etwas anderes: dieses Gefühl, dass ich eine Regelmäßigkeit übersehen haben muss, die eigentlich da sein sollte. Als würde ich ein Rezept nachkochen und manchmal käme ein Kuchen raus, manchmal ein Fladenbrot — obwohl ich, so gut ich das beurteilen kann, jedes Mal dieselben Zutaten in derselben Reihenfolge verwendet habe. Ich habe angefangen, kleine Vergleiche anzustellen: gleiche Länge, gleicher Schnittrhythmus, gleiche Tageszeit beim Hochladen, sogar ähnliche erste Sekunden — und trotzdem kein erkennbarer Zusammenhang zwischen dem, was ich verändert oder gleich gelassen habe, und dem, was am Ende an Zahlen zurückkommt.


Quelle: Herzbaum-DALIB-Universe
KI-generiert mit Nano Banana Pro

Warum ich kein Muster finden kann, obwohl ich genau hinschaue

Bei der Recherche zu dieser Ausgabe bin ich auf eine Erklärung gestoßen, die mir — ehrlich gesagt — ein bisschen den Boden unter den Füßen weggezogen hat, im positiven Sinn. Kurzformate wie Shorts, Reels oder vergleichbare Clips durchlaufen bei den großen Plattformen offenbar fast immer denselben ersten Schritt, bevor überhaupt jemand von uns etwas davon mitbekommt: Ein neues Video wird zuerst einer kleinen, für mich völlig unsichtbaren Gruppe von Menschen gezeigt. Wie diese kleine Gruppe reagiert — wie lange sie schaut, ob sie bis zum Ende bleibt, ob sie irgendwie reagiert — entscheidet darüber, ob das Video danach einem größeren Kreis gezeigt wird oder eben nicht. Im Fachjargon nennt man das wohl „Explore“ und „Exploit“: erst vorsichtig testen, dann, je nach Ergebnis, ausbauen oder eben nicht.

Was mich daran am meisten getroffen hat: Dieses Testergebnis sehe ich als Ersteller nie. Ich sehe nur, was am Ende dabei herauskommt — eine Zahl, die entweder größer oder kleiner ist, als ich erwartet hätte. Die eigentliche Entscheidung, die darüber bestimmt, fällt vorher, in einem Schritt, den ich nicht einsehen kann, mit Menschen, die ich nicht kenne, nach Kriterien, die ich nur erahnen kann. Kein Wunder, dass ich kein Muster erkenne. Das Muster existiert vielleicht gar nicht auf der Ebene, auf der ich danach suche. Es existiert, wenn überhaupt, eine Etage tiefer, dort, wo ich keinen Zugang habe.

Im Rückblick ergibt das sogar Sinn für die Fälle, die mich bisher am meisten verwirrt haben: zwei fast identische Videos, dasselbe Thema, derselbe Aufbau, hochgeladen im Abstand weniger Tage — eines lief spürbar besser, das andere kaum. Ich habe lange gedacht, ich müsste einen Unterschied zwischen beiden übersehen haben, irgendeine kleine Stellschraube, die ich nicht bewusst wahrgenommen habe. Möglich, dass es diese Stellschraube gar nicht gibt. Möglich, dass einfach die jeweils erste kleine Testgruppe an diesem Tag unterschiedlich reagiert hat — aus Gründen, die mit meinem Video vielleicht gar nichts zu tun hatten.

Das ist, im Kleinen, genau das, worum es in dieser ganzen Ausgabe die Woche über geht: eine Instanz, die entscheidet, ohne dass die Kriterien sichtbar werden. Nur habe ich es diesmal nicht abstrakt beschrieben — ich habe es ganz konkret an den eigenen Zahlen erlebt.


Was ich daraus mitnehme

Ich hätte diese Erklärung vor ein paar Jahren vermutlich vor allem frustrierend gefunden — ein weiterer Beweis dafür, wie wenig Kontrolle ich eigentlich habe. Inzwischen tut sie bei mir etwas anderes: Sie bestätigt mir noch einmal, warum ich einen großen Teil meiner Arbeit ganz bewusst dorthin verlagert habe, wo genau dieser unsichtbare erste Schritt gar nicht existiert. Der Blätterbote landet als PDF-Link direkt im Postfach. Der Wurzelbote steht als eigene Seite im Netz, unabhängig davon, was eine kleine Testgruppe irgendwo gerade für richtig hält. Wer diese beiden Magazine liest, tut das, weil er sie abonniert hat oder die Seite gezielt aufgerufen hat — nicht, weil ein Algorithmus in einer stillen Vorauswahl entschieden hat, dass es sich lohnt.

Diese Entscheidung habe ich lange vor dieser Ausgabe getroffen, aus einem eher diffusen Bauchgefühl heraus, ohne sie mir so genau erklären zu können, wie ich es jetzt könnte. Jetzt, mit der Explore-Exploit-Erklärung im Kopf, verstehe ich rückblickend besser, was dieses Bauchgefühl eigentlich im Kern getroffen hat: den Unterschied zwischen einem Raum, in dem eine unsichtbare Testgruppe stellvertretend für mich entscheidet, wer mich zu sehen bekommt, und einem Raum, in dem diese Entscheidung bei denjenigen liegt, die tatsächlich lesen wollen, was ich schreibe.

Das bedeutet nicht, dass ich Shorts aufgebe, oder dass ich glaube, das eine sei automatisch besser als das andere. Beide haben ihren Platz. Aber es zeigt mir noch einmal in aller Deutlichkeit, warum es sich für mich richtig anfühlt, meine wichtigsten Inhalte nicht ausschließlich dort zu verankern, wo eine für mich unsichtbare kleine Gruppe jedes Mal neu darüber entscheidet, ob ich gehört werde. Bei Blätterbote und Wurzelbote entscheidet, ganz altmodisch, wer den Link tatsächlich öffnet. Kein Test davor. Keine Etage, zu der ich keinen Zugang habe.

Quelle: Herzbaum-DALIB-Universe
KI-generiert mit Nano Banana Pro unter Verwendung eines Original-Fotos von Marcus Dominic Timm

Ich werde weiter Shorts machen, ohne das Muster je vollständig zu verstehen — das gehört inzwischen fast dazu. Aber ich werde nicht mehr das Gefühl haben, etwas übersehen zu haben, das eigentlich sichtbar sein sollte. Manche Muster sind einfach nicht für mich gemacht, um sie zu sehen. Und das ist, so unbequem es klingt, vielleicht die ehrlichste Erkenntnis, die ich diese Woche mitnehme.


Der Wurzelbote ist das rollende Themenmagazin des Herzbaum-DALIB-Universe. Neue Artikel erscheinen wöchentlich, passend zu den Ausgaben des Blätterboten. Den Blätterboten gibt es kostenlos auf https://hdu-niverse.de/blaetterbote.

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