
Es gibt einen Moment beim Schreiben dieser Rubrik, der sich dieses Mal anders angefühlt hat als sonst. Normalerweise suche ich einen Kontrast: Was hat mein Universum diesem Thema entgegenzusetzen? Diesmal war der erste Gedanke kein Kontrast, sondern eine Verwandtschaft, die mir selbst nicht ganz geheuer war. Ein Hüter wirkt unsichtbar. Ein Algorithmus wirkt unsichtbar. Beide beeinflussen, was geschieht, ohne dass man sie sieht, während sie es tun. Auf den ersten Blick klingt das fast wie dieselbe Figur in zwei verschiedenen Kostümen.
Was mir beim genaueren Hinschauen aufgefallen ist: Es ist jedoch eben nicht dieselbe Figur. Es sind zwei völlig unterschiedliche Wege, unsichtbar zu sein — und der Unterschied dazwischen sagt mehr über beide aus als jede Gemeinsamkeit.
Vergessen ist etwas anderes als Verborgen
Im Herzbaum-DALIB-Universe war es nicht immer so, dass die Hüter im Verborgenen wirkten. Es gab eine Zeit, sehr lange her, in der Menschen und Hüter offen nebeneinander lebten. Man kannte sich. Man half sich gegenseitig, dort wo Hilfe gebraucht wurde. Die Herzbäume selbst waren sichtbarer Teil des Alltags, nicht Mythos, nicht Metapher — einfach da, wie ein Fluss oder ein Berg da ist. Ich stelle mir manchmal vor, wie das gewesen sein muss: ein Zustand, in dem man einen Hüter nicht suchen musste, weil er einfach neben einem stand.
Was aus dieser Nähe wurde, erzähle ich an anderer Stelle ausführlicher, an einem Punkt, an dem dieses Universum bereit dafür ist. Nur so viel sei hier gesagt: Es gab eine schwere Zeit. Eine Zeit mit Verlusten, die tief genug waren, dass danach vieles nicht mehr so war wie zuvor. Und irgendwann, über Generationen hinweg, gerieten die Hüter und die Herzbäume in Vergessenheit. Nicht, weil sie sich zurückgezogen hätten. Nicht, weil sie beschlossen hätten, sich zu verbergen. Menschen vergaßen sie einfach — so, wie man mit der Zeit vergisst, was man als Kind einmal genau wusste und für selbstverständlich hielt. Es gab kein Ereignis, an dem man den Moment des Vergessens hätte irgendwie festmachen können. Eher ein langsames Verblassen über viele Generationen, bis die Erinnerung selbst zur Legende wurde und die Legende irgendwann zum bloßen Kindermärchen.
Das ist ein entscheidender Unterschied zu dem, was in dieser Ausgabe über Algorithmen beschrieben wurde. Ein Algorithmus wird nicht vergessen. Er wird verborgen — aktiv, mit Absicht, oft sogar mit rechtlichem Schutz dafür, dass er verborgen bleiben darf. Ein Unternehmen entscheidet sich bewusst, seine Kriterien nicht offenzulegen, prüft diese Entscheidung regelmäßig neu, verteidigt sie notfalls vor Gericht. Ein Hüter dagegen hat nie entschieden, unsichtbar zu sein. Er wurde es, weil die Erinnerung an ihn verblasste — was fast das Gegenteil einer Strategie ist. Niemand hat je eine Sitzung einberufen, um zu beschließen, dass die Hüter fortan vergessen werden sollen. Es geschah einfach, langsam, ohne Absicht dahinter.
Was ein Hüter tut, wenn niemand mehr weiß, dass er da ist
Hier wird es für mich als Autor eigentlich erst richtig interessant. Denn ein Hüter, der vergessen wurde, hätte allen Grund, aufzuhören. Wozu wirken, wenn niemand es bemerkt? Wozu Gleichgewicht suchen, wenn niemand weiß, dass gerade jemand danach sucht?
Und doch — das ist der Kern dessen, was einen Hüter im Herzbaum-DALIB-Universe ausmacht — wirken sie weiter. Nicht aus Trotz. Nicht, um irgendwann doch noch bemerkt zu werden. Ihre Aufgabe war nie an die Bedingung geknüpft, gesehen zu werden. DALIB „Di“, den ihr aus den verschiedenen Formaten kennt, ist dafür ein Beispiel, aber eben nur eines von vielen: Er fragt, er hört zu, er sucht das, was gerade fehlt — unabhängig davon, ob jemand registriert, dass er es tut. Das ist keine Bescheidenheit im Sinne von Zurückhaltung aus Höflichkeit. Es ist etwas Grundsätzlicheres: Ein Dienst, dessen Sinn aus der Wirkung selbst entsteht, die er entfaltet, egal ob jemand hinschaut — nicht aus der Anerkennung, mit der er vielleicht belohnt werden würde.

Quelle: Herzbaum-DALIB-Universe
DALIB ist eine eingetragene Marke von Marcus Dominic Timm
KI-generiert mit Nano Banana Pro
Ein Algorithmus kann das nicht. Ein Algorithmus, den niemand nutzt, den niemand füttert, dessen Empfehlungen niemand anklickt, hat keinen Zweck mehr — er existiert ausschließlich in Abhängigkeit von Aufmerksamkeit, die er einsammelt, und von Daten, die diese Aufmerksamkeit hinterlässt. Ein Algorithmus muss zwar unsichtbar bleiben, aber trotzdem ununterbrochen wirken, weil sein gesamter Wert genau davon abhängt, dass Menschen weiterhin mit ihm interagieren, ohne ihn zu bemerken. Ein Hüter, der vergessen wird, bleibt trotzdem, wer er ist. Ein Algorithmus, der bemerkt wird, verliert einen Teil dessen, wofür er gebaut wurde. Nämlich seine Fähigkeit auf den jeweiligen Menschen „einzuwirken“.
Ich finde diesen Gedanken bemerkenswerter, je länger ich ihn wende. Ein Hüter könnte, rein theoretisch, für tausend weitere Jahre vergessen bleiben und würde trotzdem morgens weiterhin dort hinsehen, wo etwas aus dem Lot geraten ist. Seine Existenz hängt an nichts, das ein Publikum ihm geben oder nehmen könnte. Ein Algorithmus dagegen ist in jedem einzelnen Moment darauf angewiesen, dass irgendjemand gerade mit ihm interagiert — er hat, anders als ein Hüter, keine Substanz, die unabhängig von dieser Interaktion bestehen bliebe. Nimmt man ihm die Nutzerzahlen, bleibt buchstäblich nichts übrig, dass man noch „den Algorithmus“ nennen könnte. Er wäre zwar „noch da“, aber vollkommen „nutzlos“.
Zwei Arten von Unsichtbarkeit

Quelle: Herzbaum-DALIB-Universe – DALIB ist eine eingetragene Marke von Marcus Dominic Timm – KI-generiert mit Nano Banana Pro
Wenn ich diese beiden Formen der Unsichtbarkeit nebeneinanderlege, wird mir klarer, was mich am Anfang dieser Rubrik so gestört hat: Beide sehen von außen ähnlich aus — ein Wirken ohne sichtbare Quelle — aber sie entstehen aus entgegengesetzten Gründen und sie halten sich aus entgegengesetzten Gründen aufrecht. Der Hüter wurde unsichtbar, weil sich niemand mehr an ihn erinnerte, und bleibt trotzdem seiner Aufgabe treu. Der Algorithmus wurde unsichtbar gemacht, weil Sichtbarkeit seinem Zweck geschadet hätte, und bleibt genau deshalb absichtsvoll im Dunkeln.
Man könnte es so zusammenfassen: Der eine ist unsichtbar, obwohl er dient. Der andere ist unsichtbar, damit er nicht zur Rechenschaft gezogen wird oder werden kann. Zwischen diesen beiden Sätzen liegt für mich der ganze Unterschied zwischen einem Hüter und dem, was diese Ausgabe die graue Eminenz genannt hat.
Es gibt noch einen weiteren Unterschied, den ich beim Schreiben entdeckt habe und der mir vorher gar nicht so bewusst war: Ein Hüter, an den man sich wieder erinnert — der plötzlich gesehen, gebraucht, gerufen würde —, hätte nichts zu verlieren. Er würde einfach weitermachen, nur eben wieder mit Publikum. Ein Algorithmus dagegen, der plötzlich vollständig sichtbar würde, dessen gesamte Funktionsweise offenläge, würde , wie schon gerade eben angerissen, etwas Wesentliches einbüßen: genau jene Fähigkeit, unbemerkt Verhalten zu lenken, die einen Teil seiner Wirksamkeit ausmacht. Der eine hat also nichts zu befürchten, wenn er wieder gesehen wird. Der andere aber schon.
Was ein Herzbaum weiß, dass ein Feed nicht weiß
Der Herzbaum wächst weiter, auch wenn jahrzehntelang niemand unter ihm steht. Seine Wurzeln reichen tiefer, egal ob jemand zusieht. Das ist nicht Trotz und nicht Gleichgültigkeit gegenüber den Menschen, die ihn vergessen haben — es ist schlicht die Natur eines Wachstums, das nie von Aufmerksamkeit abhängig war und deshalb auch nicht daran zugrunde gehen kann, wenn diese Aufmerksamkeit ausbleibt.
Ein Feed dagegen, ein Algorithmus, ein System, das auf Klicks und Verweildauer angewiesen ist, hört in dem Moment auf zu wachsen, in dem niemand mehr hinschaut. Seine ganze Existenz ist an Sichtbarkeit gekoppelt, selbst wenn er selbst unsichtbar bleiben muss. Der Herzbaum kennt diese Abhängigkeit nicht. Er ist, wortwörtlich, in etwas verwurzelt, das nicht verschwindet, nur weil gerade niemand hinsieht.
Vielleicht ist das am Ende der eigentliche Unterschied zwischen einem Hüter und einer grauen Eminenz: Der eine kann vergessen werden und bleibt trotzdem derselbe. Der andere kann nicht einmal für einen Moment bemerkt werden, ohne etwas von seiner Macht zu verlieren. Ich weiß nicht, ob es je gelingen wird, so bekannt zu werden wie ein Feed, der Millionen erreicht. Aber ich weiß jetzt, beim Schreiben dieser Rubrik, etwas klarer als vorher, warum mir das eigentlich nicht die größte Sorge sein sollte: Denn ein Herzbaum, der wächst, ohne gesehen zu werden, ist immer noch ein Herzbaum.
Der Wurzelbote ist das rollende Themenmagazin des Herzbaum-DALIB-Universe. Neue Artikel erscheinen wöchentlich, passend zu den Ausgaben des Blätterboten. Den Blätterboten gibt es kostenlos auf https://hdu-niverse.de/blaetterbote .
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