
Eine Vorbemerkung: „Tiefer ins Universum“ ist die exklusive Rubrik des Wurzelboten, die Leserinnen und Leser tiefer in das Herzbaum-DALIB-Universe führt — in die Mythologie, in die Entstehungsgeschichte, in die Gedanken hinter dem Erschaffen. Wer Band 1 der Herzbaum-Chroniken noch nicht gelesen hat, findet hier keine großen Spoiler — aber vielleicht einen Grund, es zu tun.
Ich gebe es offen zu: Als ich gemerkt habe, dass ich zum dritten Mal in Folge bei derselben Szene lande — Di, das Handy, der „leuchtende Stein“ — musste ich kurz selbst lachen. Aller guten Dinge sind drei, sagt man bekanntlich. Bei dieser einen kleinen Szene aus Band 1 scheint das wörtlich zu stimmen. Drei Ausgaben, drei völlig unterschiedliche Wochenthemen, und jedes Mal öffnet dieselbe kurze Passage eine neue Tür. Das war beim Schreiben von Band 1 nicht geplant. Es sagt vermutlich mehr über dieses Universum aus, als eine geplante Anspielung es je könnte.
Vielleicht liegt es daran, dass die Szene selbst so knapp gehalten ist. Ein einziger Austausch, wenige Sätze, keine ausführliche Erklärung — genau diese Kürze lässt offenbar Raum für sehr unterschiedliche Wochen, sehr unterschiedliche Fragen, ohne dass sich die Szene dabei verbiegen müsste. Eine ausführlichere, bereits vollständig erklärte Passage hätte diesen Raum vermutlich gar nicht.
Kurz zur Erinnerung, für alle, die neu dazugekommen sind
Die Szene selbst ist schnell erzählt: Nick zeigt DALIB „Di“ sein Smartphone. Di, der Eiszeiten, die Entdeckung des Feuers, den Buchdruck und das Radio miterlebt hat, betrachtet das Gerät und nennt es einen „leuchtenden Stein“. Als Nick versucht, das Internet zu erklären, fasst Di es in drei Worten zusammen: ein „Netz aus Gedanken“. Beide Formulierungen wirken beim ersten Lesen niedlich — ein altertümliches Wesen, das moderne Technik kindlich falsch benennt. Bei genauerem Hinsehen, das haben die letzten beiden Ausgaben gezeigt, steckt in beiden Sätzen mehr, als ihre Kürze vermuten lässt.
Die offene Frage aus der letzten Ausgabe
Am Ende der letzten Ausgabe dieses Magazins stand eine Frage, die ich damals bewusst unbeantwortet gelassen habe, weil sie zu groß für einen Schlusssatz war: Was macht ein Werkzeug mit den Gedanken, die durch es hindurchfließen — und wer entscheidet, welche Gedanken das sind? Diese Woche, nach allem, was in den anderen Rubriken über den Algorithmus geschrieben wurde, lässt sich diese Frage endlich zu Ende denken. Und die Antwort, die sich dabei ergibt, ist unbequemer, als ich erwartet hatte, als ich sie zum ersten Mal gestellt habe.
Was durch das Netz aus Gedanken fließt
Di beschreibt das Internet als ein „Netz aus Gedanken“ — und das ist, wie schon in der letzten Ausgabe festgehalten, eine bemerkenswert präzise Formulierung. Ein Netz hat aber, anders als ein natürlich gewachsenes Gewebe, immer eine Struktur, die irgendjemand oder irgendetwas gesponnen hat. Die Maschen bestimmen, was hindurchpasst und was hängen bleibt. Genau das ist die Frage, die diese Ausgabe die ganze Woche über umkreist hat, ohne sie in dieser Rubrik bisher so direkt zu stellen: Wer spinnt die Maschen dieses Netzes?
Ein Spinnennetz hat feste, sichtbare Fäden, die man nachverfolgen kann, bis zu der Stelle, an der die Spinne selbst sitzt. Das „Netz aus Gedanken“, von dem Di spricht, funktioniert anders. Es hat keine einzelne Stelle, an der eine Spinne sitzt und wartet. Es hat stattdessen tausende kleine Regeln, die gleichzeitig wirken, jede für sich unscheinbar, keine davon allein verantwortlich für das, was am Ende durch die Maschen kommt oder eben nicht. Genau diese Verteilung ist es, die das Bild des Netzes so treffend und gleichzeitig so beunruhigend macht: Man kann einer einzelnen Masche keine Absicht vorwerfen, und trotzdem hat das gesamte Netz eine sehr klare Wirkung darauf, was hindurchgelangt.
Bei einem tatsächlichen Netz, das ein Mensch webt, lässt sich diese Frage beantworten. Man kann die Person fragen, warum die Maschen so eng oder so weit sind, wie sie sind. Beim „Netz aus Gedanken“, dass diese Ausgabe untersucht hat, ist das anders. Niemand hat sich bewusst hingesetzt und entschieden, dass Empörung besser hindurchfließen soll als Nachdenklichkeit, dass Extreme leichter durchkommen als Zwischentöne. Die Maschen dieses Netzes haben sich, Schritt für Schritt, aus tausenden kleinen Optimierungsentscheidungen ergeben — jede für sich technisch, keine davon mit der ausdrücklichen Absicht, genau diese Wirkung zu erzeugen, und trotzdem läuft am Ende alles auf genau diese Wirkung hinaus.
Was Di dazu wohl sagen würde
Band 1 endet, bevor Di diese Frage je gestellt bekommt — er lernt gerade erst, was ein Smartphone überhaupt ist. Ich habe mir aber, beim Schreiben dieser Rubrik, erlaubt, kurz weiterzudenken, ohne dass dies jetzt schon Teil der offiziellen Handlung wird: Ein Wesen, das Gleichgewicht als Lebensaufgabe begreift, würde bei den Maschen dieses Netzes vermutlich zuerst fragen, wer sie eigentlich geknüpft hat. Nicht um eine Schuldige oder einen Schuldigen zu finden — die Antwort auf diese Frage bestimmt schlicht, ob sich an den Maschen überhaupt etwas ändern lässt. Ein Netz, das ein einziger Mensch geknüpft hat, kann dieser Mensch auch wieder entknüpfen und „umbauen“. Ein Netz, das sich aus lauter kleinen, unbeabsichtigten Entscheidungen zusammengesetzt hat, ist ungleich schwerer zu fassen — es gibt niemanden, an dessen Ärmel man ziehen kann.
Genau das, glaube ich, wäre die eigentlich beunruhigende Erkenntnis für ein 9.500 Jahre altes Wesen, das schon viele Werkzeuge kommen und gehen gesehen hat: nicht, dass es ein neues Werkzeug gibt. Sondern, dass dieses eine Werkzeug niemandem mehr richtig gehört — nicht einmal denen, die es gebaut haben.
Ich stelle mir manchmal vor, wie dieses Gespräch zwischen Di und Nick weitergehen könnte, Jahre nach der Szene mit dem leuchtenden Stein, wenn Nick älter geworden ist und selbst versteht, wie das Netz aus Gedanken tatsächlich funktioniert. Vermutlich würde Di nicht mit Empörung reagieren — Empörung passt nicht zu einem Wesen, dessen ganzes Dasein dem Ausgleich gewidmet ist. Er würde vermutlich fragen, langsam und ohne Eile, so wie er es immer tut: Wer hat entschieden, dass dieses Netz so gewebt wird? Und wenn die ehrliche Antwort lautet, dass es niemand bewusst entschieden hat, würde genau diese Antwort ihn vermutlich mehr beschäftigen als jede einzelne, konkrete Fehlentscheidung es könnte.
Warum drei genug sind, zumindest für jetzt
Ich habe mir beim Schreiben dieser dritten Runde ehrlich die Frage gestellt, ob ich der leuchtende-Stein-Szene damit zu viel Gewicht gebe. Aber ich glaube, das Gegenteil ist der Fall: dass eine so kurze, beiläufig geschriebene Szene aus einem Kinderbuch drei Wochen in Folge trägt, ohne sich zu wiederholen, zeigt eher, wie viel in ihr steckt, als ich beim Schreiben ahnen konnte. Trotzdem — aller guten Dinge sind drei, und ich verspreche an dieser Stelle nichts Genaues, aber zumindest eine kleine Pause von dieser einen Szene, bevor sie ein viertes Mal zurückkehrt.
Was bleibt
Der leuchtende Stein, mit dem Di zum ersten Mal spielte, ist inzwischen zu einem Netz geworden, dessen Maschen niemand mehr vollständig überblickt, geschweige denn kontrolliert. Vielleicht ist genau das der Grund, warum ein 9.500 Jahre altes Wesen mit dieser Frage gelassener umgehen könnte als die meisten von uns: Er hat gelernt, dass jedes Werkzeug irgendwann seinen Erbauern entgleitet. Die eigentliche Aufgabe besteht dann nicht darin, das zu verhindern — sie besteht darin, zu fragen, was man mit einem Werkzeug tut, das einem nicht mehr ganz allein gehört.
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Der Wurzelbote ist das rollende Themenmagazin des Herzbaum-DALIB-Universe. Neue Artikel erscheinen wöchentlich, passend zu den Ausgaben des Blätterboten. Den Blätterboten gibt es kostenlos auf https://hdu-niverse.de/blaetterbote .
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