01 – Editorial: Die Instanz, die man nicht sieht

Es gibt einen bestimmten Moment, den vermutlich jeder kennt, der online irgendetwas veröffentlicht: Man drückt auf „Hochladen“ — und von da an entscheidet „etwas“ anderes, was mit dem eigenen Inhalt geschieht. Nicht die eigene Sorgfalt. Nicht die eigene Absicht. Etwas, das man nicht sehen, nicht befragen und nicht überzeugen kann.

Quelle: Herzbaum-DALIB-Universe
KI-generiert mit GPT Image 2 unter Verwendung eines Original-Fotos von Marcus Dominic Timm

Ich kenne dieses Gefühl seit einiger Zeit, seitdem ich angefangen habe eigene Inhalte zu veröffentlichen, seitdem ich begonnen habe das Herzbaum-DALIB-Universe aufzubauen.

Ich kenne das also aus eigener Erfahrung als Creator, und ich dachte lange, es sei einfach der Preis, den man für Sichtbarkeit im Netz zahlt — eine Art Wetterlage, die man hinnimmt, ohne sie zu verstehen. Je länger ich an diesem Themen-Block gearbeitet habe, desto klarer wurde mir aber: Dieses Gefühl ist kein Randphänomen, das nur Creator wie mich betrifft.

Es ist der eigentliche Kern dessen, was diese Woche in fast jeder Rubrik in einer anderen Form wieder auftaucht — eine Macht, die überall wirkt, ohne dass irgendjemand sie je zu Gesicht bekommt.


Warum das Titelthema: „Algorithmus — die graue Eminenz“?

Der Begriff „graue Eminenz“ stammt ursprünglich aus der Geschichte des französischen Hofes: eine Person, die im Hintergrund Einfluss ausübt, ohne selbst ein offizielles Amt zu bekleiden, ohne dass die Öffentlichkeit ihren Namen kennt. Kaum ein Begriff passt besser auf das, was ein Algorithmus heute tut. Er entscheidet, wer gesehen wird und wer nicht, welche Nachricht als glaubwürdig gilt und welche im Rauschen untergeht, wer wirtschaftlich profitiert und wer die unsichtbare Arbeit dafür leistet — und all das, ohne dass er selbst je zur Rechenschaft gezogen werden müsste oder gar könnte, weil er offiziell für nichts davon „zuständig“ ist. Er sortiert nur. Was daraus wird, ist angeblich nicht seine Verantwortung.

Dabei ist der Algorithmus selbst, das hat mich beim Schreiben dieser Ausgabe am meisten überrascht, gar nicht das eigentliche Rätsel. Das eigentliche Rätsel ist, wie selbstverständlich wir über Jahre akzeptiert haben, dass eine derart einflussreiche Instanz ohne Adresse, ohne Ansprechperson und ohne öffentliche Rechenschaftspflicht mitten in unserem Alltag operieren durfte, bevor überhaupt jemand ernsthaft danach gefragt hat, wer das eigentlich erlaubt hat oder erlauben sollte.

Was ihr in dieser Ausgabe findet…

„Aus der Woche“ beschreibt zwei Ereignisse, die zufällig auf denselben Kalendertag fielen: Deutschland bekam mit der Bundesnetzagentur erstmals eine benannte Aufsichtsbehörde für algorithmische Systeme, während die EU-Kommission am selben Tag vorläufig feststellte, dass der Empfehlungsalgorithmus von Meta gegen europäisches Recht verstößt.

Die historische Perspektive zeichnet nach, wie sich der Algorithmus von einer akademischen Fußnote — einer Rankingformel zweier Stanford-Studenten — über Cambridge Analytica und Frances Haugens Enthüllungen bis zu den ersten europäischen Aufsichtsverfahren entwickelt hat.

Die psychologische Perspektive erklärt, warum wir Algorithmen mal blind vertrauen und mal reflexhaft ablehnen — und warum beide Reaktionen mehr mit unserem eigenen Kontrollbedürfnis zu tun haben als mit dem, was ein Algorithmus tatsächlich tut.

Die soziologische Perspektive verfolgt den Weg vom menschlichen Zeitungsredakteur zum algorithmischen Gatekeeper — und zeigt, warum die neue Form der Auswahlmacht so viel schwerer greifbar ist als die Alte.

Die soziokulturelle Perspektive schaut darauf, wie sich Sprache selbst verändert, wenn sie lernt, für eine Maschine verständlich, statt für Menschen offen und ehrlich zu sein — von Netflix‘ Mikrogenres bis zu den Umwegen, mit denen wir online über sensible Themen sprechen.

Die sozioökonomische Perspektive legt zwei Rechnungen nebeneinander, die selten gemeinsam betrachtet werden: die unsichtbare menschliche Arbeit, die jeden Algorithmus am Laufen hält, und die sehr sichtbaren Milliardenbeträge, die genau diese Arbeit am Ende wert ist.

„Und hier kommt das Herzbaum-DALIB-Universe ins Spiel“ stellt der grauen Eminenz die Hüter des Universums gegenüber — zwei Mächte, die beide im Verborgenen wirken, aber aus vollkommen entgegengesetzten Gründen.

In „Nick empfiehlt“ geht es diese Woche um ein Buch, dessen deutscher Titel diese Ausgabe fast von selbst zusammenfasst: Cathy O’Neils „Angriff der Algorithmen“.

Und „Die andere Seite“ gibt, wie in jeder Ausgabe, den Gegenstimmen ernsthaften Raum: sechs Argumenten dafür, dass ein Algorithmus menschliche Willkür auch reduzieren kann, statt sie nur zu verschärfen.

Ein letzter Gedanke

Was mich am Ende dieser Ausgabe am meisten beschäftigt, ist nicht die Frage, ob Algorithmen abgeschafft gehören — das würde ohnehin nicht funktionieren, dafür sind sie längst zu tief in allem verwoben, was wir online tun. Es ist die Frage, wer eigentlich hinsehen darf, wenn sie entscheiden. Diese Woche hat gezeigt: Es gibt inzwischen erste Behörden, erste Verfahren, erste Gesetze, die genau das versuchen. Ob daraus mehr wird als der erste, zaghafte Versuch, einer grauen Eminenz einen Namen zu geben und ihr vielleicht Einhalt zu gebieten, wird sich erst noch zeigen müssen.

Ich wünsche euch eine Woche voller guter, langsamer und echter Geschichten.

Euer

Nick


Der Wurzelbote ist das rollende Themenmagazin des Herzbaum-DALIB-Universe. Neue Artikel erscheinen wöchentlich, passend zu den Ausgaben des Blätterboten. Den Blätterboten gibt es kostenlos auf https://hdu-niverse.de/blaetterbote .

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