
Ich erinnere mich noch genau an das erste Video. Eine Erdbeere mit langen Wimpern, eine Banane mit tiefer Stimme, ein Baby am Ende, das die ganze Geschichte auf den Kopf stellte. Ich hatte keine Ahnung, was ich da gerade sah. Und mein erster Gedanke war: Das ist verstörend.
Mein zweiter Gedanke, kurz danach: Das ist ärgerlich.
Und dann, das gebe ich zu, auch wenn es mir nicht leichtfällt, es aufzuschreiben: Ich habe es zu Ende geschaut. Nicht weil ich es gut fand. Nicht weil ich Spaß daran hatte. Sondern weil ich wissen wollte, wie es ausgeht. Es war also pure Neugier.
Ich habe eine Weile gebraucht, um zu verstehen, warum mich das so beschäftigt hat, nachdem das Video vorbei war. Es war nicht die Absurdität selbst. Es war der Moment danach — die Erkenntnis, dass ich genau das getan hatte, was das Format von mir wollte. Ich bin nicht trotz meines Widerwillens drangeblieben. Ich bin wegen der Struktur drangeblieben, die genau darauf ausgelegt ist, dass ich dranbleibe. Kein Zufall also und auch keine persönliche Schwäche. Ein Mechanismus, der funktioniert hat — auch bei mir, obwohl ich es besser weiß.
Was mich am meisten gestört hat
Es war nicht die Absurdität der Prämisse. Sprechendes Obst mit menschlichen Beziehungsdramen — das ist, für sich genommen, einfach nur seltsam, aber nicht schlimm. Was mich wirklich gestört hat, war etwas anderes: wie eindeutig vorhersehbar die Rollen verteilt waren. Wer betrügt. Wer bestraft wird. Wessen Stimme tiefer und bedrohlicher klingt. Wessen Hautfarbe — Verzeihung, Fruchtfarbe — mit welchem Charakter verknüpft wird.
Ich bin bei der Recherche zu dieser Ausgabe auf eine Bildsprache gestoßen, die schon über 150 Jahre alt ist — entstanden, um wirtschaftlichen Erfolg zu verhöhnen. Und dann sitze ich da, 2026, mit meinem Handy, und sehe genau diese Bildsprache wieder — nur in einem neuen Gewand, mit einer KI-Stimme unterlegt, für ein Millionenpublikum produziert, das die Hälfte der Geschichte dahinter wahrscheinlich nicht kennt. Ich kannte sie in diesem Moment auch noch nicht. Das hat mich zusätzlich beschäftigt: Wie viele Menschen, die diese Videos ansehen und weiterteilen, wissen nicht, was sie da eigentlich reproduzieren?
Der Kontrast, der mir keine Ruhe lässt

Quelle: Herzbaum-DALIB-Universe
DALIB ist eine eingetragene Marke von Marcus Dominic Timm
KI-generiert mit Nano Banana Pro
Ich arbeite selbst mit KI-Bildgenerierung. Fast täglich. Für DALIB „Di“, für die Postkarten, für die Bilder in diesem Magazin. Und genau deshalb konnte ich diese Videos nicht einfach als „Das ist halt mal so passiert“ abtun.
Denn ich weiß aus eigener, sehr praktischer Erfahrung, dass das nicht stimmt. Wenn ich ein neues Bild von DALIB „Di“ erstellen lasse, arbeite ich mit einem festen Referenzblatt. Ich gebe genaue Farbwerte an. Ich achte darauf, dass die Fußsohle nur sichtbar wird, wenn es die Szene wirklich braucht. Ich habe in der letzten Woche, während ich an einem Bild gearbeitet habe, in dem DALIB „Di“ durch Feuer geht, mehrfach nachgebessert — weil eine Version zu sehr nach „unnatürlicher Bewegung“ aussah, statt nach einer natürlichen, würdevollen Bewegung und auch, weil die KI regelmäßig das orange der Fußsohlen und das Yin-Yang-Zeichen „unterschlägt“ und Di damit einfach ein Stück in Richtung „generisch“ verschieben will. Da muss ich in so gut wie allen Aspekten regelmäßig „nachsteuern“. Damit DALIB „Di“ auch in Zukunft der unverwechselbare Charakter bleibt, den ich mir wünsche.
Und diese Sorgfalt ist keine Nebensächlichkeit. Sie ist eine Entscheidung, die ich bei jedem einzelnen Bild treffe, das für dieses Universum entsteht. Und genau diese Entscheidung fehlt bei den KI-Fruchtvideos komplett — nicht weil die Technik es nicht anders könnte, sondern weil niemand in der Produktionskette ein Interesse daran hat, sie zu treffen. Das ist der Unterschied, der mir keine Ruhe lässt: Dieselbe Technologie, dasselbe Werkzeug, aber eine komplett andere Haltung dahinter. KI ist nicht das Problem. Die Abwesenheit von Sorgfalt ist das Problem.
Ich habe mich diese Woche mehrfach gefragt, wie lange ich es mir eigentlich leisten kann, so langsam und sorgfältig zu arbeiten, wenn die Welt um mich herum in einem völlig anderen Tempo läuft. Eine abschließende Antwort habe ich nicht. Aber eine vorläufige: Ich kann es mir leisten, solange ich bereit bin, den Preis dafür zu zahlen — weniger Reichweite, langsameres Wachstum. Das ist ein Preis, das muss hier an dieser Stelle gesagt werden, den ich bewusst zahle. Denn ich möchte euch die beste Qualität bieten, die ich in der Lage bin zu leisten.
Was das mit Aikido zu tun hat
Ich übe seit einigen Monaten Aikido bei Sensei Karl Ruben aus. Eine der ersten Lektionen, die ich dort gelernt habe, und die ich bis heute (selbstverständlich) nicht wirklich beherrsche, sondern nur immer wieder aufs Neue übe, lautet: Man kämpft nicht gegen die Kraft des anderen an. Man lenkt sie um. Fließen statt Gegenkraft.
Als ich das erste Fruchtvideo sah, habe ich genau das Gegenteil getan. Ich habe innerlich gegen das Video angekämpft — „das ist doch albern“, „das ist doch geschmacklos“ — und bin dabei trotzdem bis zum Ende geblieben, mitgerissen von genau der Kraft, gegen die ich ankämpfen wollte. Das ist, im Kleinen, ein sehr genaues Bild dafür, wie viele von uns mit Social Media insgesamt umgehen: Wir wissen, dass wir eigentlich weiterscrollen sollten. Wir kämpfen dabei innerlich gegen uns selbst an. Und genau dieser Kampf hält uns oft länger fest, als wenn wir uns gar nicht erst darauf eingelassen hätten.

Quelle: Herzbaum-DALIB-Universe
DALIB ist eine eingetragene Marke von Marcus Dominic Timm
KI-generiert mit Nano Banana Pro
Was hätte Fließen statt Kämpfen in diesem Moment bedeutet? Vielleicht: das Video einfach früh wegzuwischen, ohne der Neugier nachzugeben, weil man, sind wir ehrlich eh weiß, wie es endet. Einfach loslassen, bevor der Sog überhaupt greift. Das ist leichter gesagt als getan — ich weiß das, weil ich es in diesem konkreten Moment nicht geschafft habe.
Der Bezug zum Herzbaum-DALIB-Universe
Wer die Herzbaum-Chroniken kennt, kennt die zentrale Szene aus Band 1: Nick — die Figur, nicht ich, auch wenn der Name kein Zufall ist — wird von drei anderen Kindern nur noch „Brillen-Junge“ genannt. Eine Farbe. Eine Funktion. Ein einziges Merkmal, auf das ein ganzer Mensch reduziert wird. Und DALIB? Der weigert sich, das mitzumachen. Er sieht den Jungen, nicht die Brille.
Ich habe dieses „Bild“ geschrieben, lange bevor ich auch nur ahnte, dass ich eines Tages über KI-generierte Obstfiguren schreiben würde, die exakt dasselbe symbolisieren, wie die Mobber — nur technisch potenziert, algorithmisch optimiert, an ein Millionenpublikum ausgespielt. Eine dunkle Aubergine wird auf „aggressiv“ reduziert. Eine helle Erdbeere wird auf „Opfer“ reduziert. Kein Innenleben. Keine Widersprüche. Keine Geschichte, die über das eine zugewiesene Merkmal hinausgehen würde.
Der Herzbaum selbst steht für das genaue Gegenteil dieser Logik: Wachstum, das Zeit braucht. Wurzeln, die niemand sieht, bevor der Baum sichtbar wird. Ein KI-Fruchtvideo entsteht in Minuten und verbraucht sich in eineinhalb Minuten Aufmerksamkeit. Ein Herzbaum braucht Jahrzehnte, um zu dem zu werden, was er ist. Der Herzbaum konkurriert nicht mit der Geschwindigkeit eines viralen Trends. Er ist für eine andere Zeitskala erschaffen — und das war schon in Ausgabe 1 mein Punkt, als ich über meine enttäuschten Erwartungen an Social Media geschrieben habe. Manche Dinge sind einfach nicht dafür gemacht, im selben Rennen anzutreten.
Ich weiß nicht, wie es dir beim ersten Fruchtvideo ergangen ist, das dir begegnet ist — falls dir überhaupt eins begegnet ist. Aber falls du, so wie ich, bis zum Ende geschaut hast, obwohl es dich gestört hat: Du bist damit nicht allein, und es sagt nichts Schlechtes über dich aus. Es sagt etwas über das System aus, in dem wir uns alle gerade bewegen.
Der Herzbaum wächst nicht, weil er schnell ist. Er wächst, weil er bleibt. Genau deshalb schreibe ich jede Woche neu an etwas, das sich bewusst gegen diese Logik stellt — auch wenn es langsamer wächst, auch wenn es weniger glänzt, auch wenn niemand in neun Tagen drei Millionen Mal darauf klickt.
Der Wurzelbote ist das rollende Themenmagazin des Herzbaum-DALIB-Universe. Neue Artikel erscheinen wöchentlich, passend zu den Ausgaben des Blätterboten. Den Blätterboten gibt es kostenlos auf https://hdu-niverse.de/blaetterbote .
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