04 – Ein Blick ins Universum – 04 – Soziokulturell: Alles in Anführungszeichen: Sprache, Körper und Ironie der KI-Fruchtvideos

Wenn ein Erwachsener zum ersten Mal ein KI-Fruchtvideo sieht, sieht er meistens nur eines: Unsinn. Wenn ein Fünfzehnjähriger dasselbe Video sieht, sieht er womöglich etwas anderes — eine gemeinsame Sprache, ein Zugehörigkeitsgefühl, eine bewusst gewählte Ästhetik. Diese Kluft in der Wahrnehmung ist selbst der Ausgangspunkt für die soziokulturelle Perspektive: Was bedeutet es für Sprache, Körperbild und kulturelle Identität, wenn ein ganzes Genre entsteht, das von der einen Generation als Zerfall und von der anderen als Ausdruck gelesen wird?


Teil 1: „Brainrot“ als Generationensprache

„Brainrot“ ist längst mehr als ein Wort für befürchteten geistigen Verfall. Es ist, wie es das serbische Magazin Vreme beschreibt, zu einer eigenen Art gemeinsamer Sprache innerhalb der Generationen Z und Alpha geworden — für Ältere klingt sie wie Kauderwelsch, für Jüngere ist sie ein vertrautes Kommunikationssystem mit eigenen Referenzen, eigenen Insiderwitzen, eigenen Figuren. Das Sprachlexikon Quillbot listet einige dieser Figurennamen auf: „Ballerina Cappuccina“ (eine Ballerina mit einer Tasse Cappuccino als Kopf), „Shimpanzini Bananini“ (ein Schimpanse, der aus einer Bananenschale blickt) — Namen, die bewusst zwischen Sprachen und Klangwelten hin- und herspringen, mit italienisch klingenden Endungen versehen, unabhängig von tatsächlicher Bedeutung.

Diese Sprachspielerei ist kein Zufall, sondern folgt einem Muster, das Linguistinnen und Linguisten seit Langem bei Jugendsprache beobachten: Eine Sprachform, die für Außenstehende absichtlich schwer zugänglich ist, markiert Zugehörigkeit gerade durch ihre Exklusivität. Wer „Ballerina Cappuccina“ versteht und einordnen kann, gehört dazu. Wer fragend danebensteht, gehört nicht dazu — und genau diese Trennlinie ist, kulturell betrachtet, die eigentliche Funktion des Vokabulars, nicht ein Nebeneffekt.

Eine 2026 in einer kommunikationswissenschaftlichen Fachzeitschrift veröffentlichte, auf Interviews mit 24 Teilnehmenden im Alter von 13 bis 26 Jahren basierende Studie der London School of Economics wirft dabei ein Licht auf etwas, das die öffentliche Debatte oft übersieht: Brainrot-Konsum ist für Gen Z keineswegs nur passiver Zeitvertreib, sondern erfüllt aktive kulturelle Funktionen — ästhetisches Erleben durch bewusste Absurdität, Widerstand gegen die Vereinnahmung durch die Aufmerksamkeitsökonomie, Zugehörigkeit zu einer Gruppe und schlicht eine Verschnaufpause von digitaler Reizüberflutung. Die Studie führt dafür sogar einen neuen Begriff ein: „Anti-Gratifikation“ — das bewusste Aufsuchen von Inhalten, die Produktivität und Sinnstiftung explizit verweigern. Die Forschenden fordern ausdrücklich, von einer defizitorientierten Sichtweise auf digitale Jugendkultur abzurücken.

Quelle: Herzbaum-DALIB-Universe
DALIB ist eine eingetragene Marke von Marcus Dominic Timm
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Das ändert nichts daran, dass dieselben Formate, wie die vorangegangenen Rubriken dieser Ausgabe gezeigt haben, wirtschaftlich an Stereotypen „leiden“ und diese verbreiten. Beides kann gleichzeitig wahr sein: Ein Format kann kulturell sinnstiftend für seine Nutzenden sein und gleichzeitig strukturell Vorurteile transportieren, ohne dass die Nutzenden das intendieren oder auch nur bemerken.


Teil 2: Von der Körpermetapher zur Körperkarikatur

Um die soziokulturelle Tiefe dieses Phänomens vollständig zu verstehen, lohnt sich ein Blick auf eine ältere, verwandte Sprachtradition: die Verwendung von Obst- und Gemüsebegriffen als Körpermetaphern im deutschen Alltag. „Pfirsichpo“, „Erdbeerwoche“ für die Menstruation, oder auf der männlich codierten Seite „Spargel“ und „Lauch“ als eher abwertende Bezeichnungen für schlanke, als wenig maskulin wahrgenommene Männerkörper — diese Sprachmuster verlaufen entlang derselben Geschlechterlogik, die sich in den KI-Fruchtvideos wiederfindet: Obst wird weich, süß, weiblich codiert und konsumierbar gedacht; Gemüse hart, robust, männlich codiert.

Die KI-Fruchtvideos greifen nicht direkt auf diese Alltagssprache zurück, aber sie bewegen sich im selben semantischen Feld — und verstärken es womöglich zusätzlich. Wenn eine Kultur bereits gewohnt ist, Körper in Obst- und Gemüsekategorien zu denken und zu bewerten, bietet das einen kulturell vorbereiteten Boden dafür, dass ein neues Format, das genau diese Kategorien visuell und narrativ auslebt, sofort verständlich und anschlussfähig wirkt — ohne dass die Zuschauenden die tieferliegende sprachliche Verwandtschaft bewusst bemerken müssten. Die Fruchtmetapher fühlt sich nicht fremd an, weil sie es sprachlich nie war.


Teil 3: Notes on Camp — die Ästhetik des bewusst Schlechten

Die dritte kulturelle Ebene betrifft die Frage, warum absichtlich „schlechter“ Content überhaupt als attraktiv empfunden werden kann. Hierfür liefert die amerikanische Kulturkritikerin Susan Sontag mit ihrem 1964 erschienenen Essay „Notes on Camp“ bis heute den einflussreichsten theoretischen Zugang. Camp, so Sontag, ist eine Wahrnehmungshaltung, die Stil über Inhalt, Ästhetik über Moral und Ironie über Tragödie stellt. Sontags berühmteste Formulierung lautet sinngemäß, Camp sehe die Welt in Anführungszeichen: Nichts wird als reine Substanz genommen, alles als veränderliches Spiel künstlicher Setzungen.

Diese Beschreibung passt fast eins zu eins auf die Rezeptionshaltung, mit der viele junge Nutzende KI-Fruchtvideos konsumieren: mit einer liebevollen, nicht rein verächtlichen Ironie gegenüber dem offensichtlich Trivialen. Die „taz“ wirft beim verwandten Italian-Brainrot-Trend die Frage auf, ob es sich dabei nicht um eine Art „digitalen Dadaismus“ handeln könnte — eine bewusst sinnlose künstlerische Antwort einer jungen Generation auf eine ihrerseits als sinnlos erlebte Welt aus Kriegen und Klimakrise. Die Zeitung benennt dabei eine Doppelmoral: Würden Kunststudierende ähnliche Bildwelten in einem Seminar zeigen, spräche man über Bedeutungsgehalt, Intention und Ästhetik. Weil es aber TikTok-Nutzende in ihrer Freizeit mit KI statt Pinsel tun, gilt es vielen sofort als geistiger Müll.

Wichtig ist dabei: Camp als ästhetische Kategorie beschreibt eine Rezeptionshaltung, keine moralische Freisprechung der Inhalte selbst. Ironische Distanz zum eigenen Medienkonsum schützt niemanden automatisch vor der unbewussten Übernahme der darin transportierten Stereotype. Ästhetik und Vorurteilstransport schließen sich also nicht gegenseitig aus; sie können, wie hier, in ein und demselben Video gleichzeitig vorliegen.

Eine echte Stimme aus der Szene bestätigt diese Doppeldeutigkeit. Ein Interview der kanadischen Nachrichtenagentur CBC vom März 2026 liefert dazu konkrete Belege. Der New Yorker Linguist und Content-Creator Adam Aleksic — bekannt als „Etymology Nerd“, Harvard-Absolvent und Autor des im Juli 2025 erschienenen Buchs „Algospeak“ über den Einfluss sozialer Medien auf Sprache — ordnet den Trend explizit in die Traditionslinie von „Orange Cat“-Videos und Italian Brainrot ein. Aleksic weist aber auch ausdrücklich auf eine dunkle Seite hin: Ersteller von KI-Slop-Content, mit denen er gesprochen habe, versuchten meist schlicht, möglichst schnell etwas zu produzieren, das Klicks bringt — „sie haben keinen ausgeprägten moralischen Kompass“, wie er es formuliert. Explizit benennt er dabei homophobe Inhalte in einer Episode der „Fruit Love Island“-Serie.

Zugleich bietet Aleksic eine Gegenperspektive zur reinen Verharmlosung: Anders als KI-Inhalte, die versuchen, Menschen durch Realismus zu täuschen, wüssten die Zuschauenden von Fruchtvideos genau, dass sie einen künstlichen, bewusst trashigen Inhalt konsumieren — ein direkter Bezug also zu genau der Camp-Ästhetik, die sich mit Sontag herleiten lässt. „Es ist witzig, weil es schlecht ist“, bringt Aleksic diese Rezeptionshaltung selbst auf den Punkt. Das ändert nichts an der Schädlichkeit der transportierten Inhalte, erklärt aber, warum sich viele Nutzende nicht schuldig fühlen, wenn sie sich emotional in absichtlich alberne Fruchtgeschichten hineinziehen lassen.

Wie tief dieser Trend bereits in den kulturellen Mainstream vorgedrungen ist, zeigt ein Vorfall aus derselben Woche: Die schwedische Popsängerin Zara Larsson postete zu ihren rund neun Millionen TikTok-Followern einen Beitrag über die Fruchtdrama-Figuren „Choclatina“ und „Strawberto“ — und erntete prompt Kritik von Fans, die ihr vorwarfen, damit generative KI zu bewerben; der Beitrag wurde später wieder entfernt. Der Vorfall zeigt exemplarisch, wie umkämpft die kulturelle Bewertung dieses Formats selbst innerhalb derselben Generation ist — zwischen ironischer Freude am Trash und wachsendem Unbehagen gegenüber der KI-Ökonomie, die dahintersteht.


Teil 4: Eine globale Bildsprache ohne lokale Kultur

Die vierte soziokulturelle Dimension betrifft die Geschwindigkeit und Reichweite, mit der sich dieses Format über kulturelle Grenzen hinweg verbreitet hat — ohne die üblichen kulturellen Übersetzungs- und Aneignungsprozesse, die frühere globale Kulturtrends durchlaufen mussten. Innerhalb weniger Wochen nach dem ursprünglichen italienischen Trend entstanden eigenständige Varianten aus Mexiko, Frankreich, Brasilien und Südkorea — jede mit eigenen sprachlichen und kulturellen Einfärbungen, aber alle nach demselben strukturellen Muster gebaut: absurde KI-Hybridwesen, synthetische Stimme, wiederholbare Formel. Auch in Deutschland entstand mit dem sogenannten „German Brainrot“ eine eigenständige Variante: Ausgangspunkt war ein im November 2024 vom TikTok-Konto @schnecke_123 gepostetes Video einer Taube beim Einkaufen, dessen Nachfolgevideo — eine schlafende Taube neben Figuren aus „Die Pinguine aus Madagascar“ — es auf über 21 Millionen Aufrufe brachte.

Quelle: Herzbaum-DALIB-Universe
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KI-generiert mit Banana Pro

Frühere globale Kulturphänomene — von Rock’n’Roll über Hip-Hop bis zu K-Pop — brauchten Jahre, um sich international zu verbreiten, und wurden dabei durch lokale Musikerinnen, Musiker, Produzentinnen und Produzenten aktiv verbreitet, übersetzt und verändert, wodurch jeweils eigenständige kulturelle Hybridformen mit eigenem kreativem Wert entstanden. Bei den KI-generierten Brainrot-Formaten entfällt dieser langsame, von Menschen getragene Übersetzungsprozess fast vollständig: Ein Format kann buchstäblich innerhalb von Tagen dupliziert, mit einer neuen Sprachschicht versehen und in einen anderen kulturellen Kontext exportiert werden, ohne dass ein menschlicher kreativer Vermittlungsprozess dazwischenliegen muss. Das Resultat ist eine globale Bildsprache, die sich formal wie kulturelle Aneignung anfühlt, strukturell aber eher einer reinen technischen Vervielfältigung gleicht — mit allen Konsequenzen, die das dafür hat, wessen Stereotype sich wie schnell über Kulturgrenzen hinweg verbreiten.


Teil 5: Vereinnahmung durch Institutionen

Die kulturelle Reichweite des Begriffs „Brainrot“ selbst zeigt sich mittlerweile auch jenseits der eigentlichen Zielgruppe, in einer Weise, die selbst wieder soziokulturell aufschlussreich ist. Die australische Senatorin Fatima Payman sorgte für Schlagzeilen, als sie in einer kurzen Parlamentsrede gegen ein von der Regierung geplantes Social-Media-Verbot für Minderjährige bewusst Slang der Generation Alpha verwendete — verfasst von Ezra Isma, einem damals 21-jährigen politischen Berater aus ihrem Büro. Isma selbst betonte später, dass er eine solche Sprache außerhalb der Kammer nicht unbedingt ernsthaft verwenden würde. Die Pointe der Rede lag gerade darin, dass eine Institution, die über die Köpfe junger Menschen hinweg deren Mediennutzung regulieren wollte, plötzlich in deren eigener Sprache adressiert wurde. Die Rede wurde online sofort als „Brainrot“-Rede erkannt und millionenfach geteilt — ein Beleg dafür, wie schnell ein ursprünglich abwertend gemeinter Begriff selbst zur anerkannten Bezeichnung eines viralen Kommunikationsstils werden kann.

Auch der frühere Papst Franziskus griff den Begriff auf: Bei der Jubiläumsveranstaltung für Kommunikationsschaffende im Januar 2025 warnte er vor „putrefazione cerebrale“ (Gehirnverwesung) durch exzessives Scrollen und mahnte, gerade jungen Menschen müsse dieser Zusammenhang vermittelt werden — eine bemerkenswerte sprachliche Übernahme eines ursprünglich internetnativen Jugendbegriffs durch eine der ältesten Institutionen der Welt. Auch deutsche Leitmedien griffen den Trend auf: ZEIT-Chefredakteur Giovanni Di Lorenzo kommentierte den Italian-Brainrot-Trend öffentlich in einem eigenen Video — ein weiterer Beleg dafür, wie schnell ein ursprünglich internetnatives Nischenphänomen in den redaktionellen Mainstream vordringt.

Diese schnelle Vereinnahmung eines ursprünglich subkulturellen Begriffs durch Parlament, Kirche und Feuilleton ist selbst ein Symptom der beschleunigten kulturellen Zirkulation, die dieses Genre kennzeichnet: Wo frühere Jugendsprachphänomene Jahre brauchten, um überhaupt im Bewusstsein der Mehrheitsgesellschaft anzukommen, dauert dieser Prozess bei „Brainrot“ nur noch Monate — mit der Konsequenz, dass Bedeutung, Kontext und ursprüngliche Ironie auf dem Weg von der Nische in den Mainstream zunehmend verloren gehen, verflachen oder schlicht falsch verstanden werden.


Teil 6: Was bleibt — Sprache, Körper, Ironie und Geschwindigkeit

Die soziokulturelle Perspektive auf die KI-Fruchtvideos zeigt ein Phänomen, das sich nicht auf eine einzige Erklärung reduzieren lässt. Es ist gleichzeitig eine neue Generationensprache mit echtem Zugehörigkeitswert, eine Fortsetzung älterer, geschlechtlich codierter Körpermetaphern, eine Camp-artige ästhetische Praxis mit legitimer kultureller Tradition — und ein technisch beschleunigter Verbreitungsmechanismus für Stereotype. Keine dieser Ebenen widerlegt eine andere. Sie liegen gleichzeitig übereinander, in denselben eineinhalb Minuten Videomaterial.

Schon die erste Ausgabe dieses Themenblocks brachte es mit McLuhans These auf den Punkt: „The medium is the message“ — das Entscheidende an einem Medium ist nicht, was es sagt, sondern was es mit uns macht. Bei den KI-Fruchtvideos verschmelzen Medium und Botschaft auf beunruhigende Weise: Die bewusst trashige, ironisch gebrochene KI-Ästhetik wird zur Tarnung für eine Botschaft, die in unironischer, direkter Form sofort erkennbar problematisch wäre.

Für den Blätterboten und den Wurzelboten selbst liegt darin eine leise, aber relevante Mahnung: Auch dieses Magazin bewegt sich in einer Medienlandschaft, in der Begriffe, Formate und Bilder binnen Wochen ihre Bedeutung verändern können. Sorgfalt in der sprachlichen und visuellen Einordnung ist deshalb kein antiquiertes journalistisches Ideal, sondern eine notwendige Reaktion auf genau die Geschwindigkeit, die diese Rubrik beschrieben hat.

Wer die kulturelle Sprache einer Generation ernst nehmen will, kommt nicht umhin, auch ihre Schattenseiten ernst zu nehmen. Welche wirtschaftlichen Kräfte hinter dieser Verbreitung stecken und wie sich das Geschäftsmodell der Aufmerksamkeitsökonomie dahinter entfaltet, lest ihr im nächsten Artikel dieses Themenblocks hier im Wurzelboten.


Der Wurzelbote ist das rollende Themenmagazin des Herzbaum-DALIB-Universe. Neue Artikel erscheinen wöchentlich, passend zu den Ausgaben des Blätterboten. Den Blätterboten gibt es kostenlos auf https://hdu-niverse.de/blaetterbote .


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