
Manchmal ändert sich eine Empfehlung noch, kurz bevor eine Ausgabe fertig ist — und das ist gut so. Ursprünglich hatte ich für diese Woche ein druckfrisches Fachbuch zur Medienpädagogik vorgesehen. Es ist buchstäblich in derselben Woche erschienen, in der diese Ausgabe entstanden ist, ohne Rezensionen, ungelesen von mir. Je länger ich an dieser Ausgabe gearbeitet habe, desto klarer wurde mir aber: Es gibt ein Buch, das näher an dem liegt, was diese Woche tatsächlich passiert ist — und das schon sechzig Jahre auf dem Buckel hat, sich also längst bewährt hat, statt erst noch beweisen zu müssen, ob es hält.
Die Soziokulturell-Rubrik dieser Ausgabe hat sich ausführlich mit einer Idee der amerikanischen Kulturkritikerin Susan Sontag beschäftigt: Camp als Wahrnehmungshaltung, die Stil über Inhalt und Ironie über Tragödie stellt. Dieser Gedanke stammt aus einem einzigen, kurzen Essay — und dieser Essay hat mich, seit ich ihn für die Recherche noch einmal gelesen habe, nicht mehr losgelassen. Deshalb empfehle ich diese Woche nicht ein neues Buch, sondern eines der einflussreichsten Stücke Kulturkritik des 20. Jahrhunderts.
Wer war Susan Sontag?
Susan Sontag, geboren 1933 in New York, gestorben 2004 an den Folgen einer Leukämie, war eine der prägendsten amerikanischen Essayistinnen, Kritikerinnen und Schriftstellerinnen ihrer Generation. Sie schrieb über Fotografie („On Photography“), über die Sprache der Krankheit („Illness as Metaphor“), verfasste Romane — für „In America“ erhielt sie 2000 den National Book Award — und drehte Filme. 1990 wurde sie mit einem MacArthur-Stipendium ausgezeichnet, 2003 mit dem Prinz-von-Asturien-Preis für Literatur und dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels.
Auch bei Sontag gehört zur ehrlichen Einordnung, dass ihr Werk nicht unumstritten ist. Ein 1967 veröffentlichter Satz über die „weiße Rasse als Krebsgeschwür der Menschheitsgeschichte“ löste damals erhebliche Kritik aus, die sie später selbst relativierte. Auch wurden ihr in ihrem Roman „In America“ sowie in einer Rede von 2004 nicht ausreichend gekennzeichnete Übernahmen aus fremden Texten nachgewiesen. Eine Empfehlung ist, finde ich, ehrlicher, wenn sie solche Einordnungen zur Autorin mitliefert, statt sie zu verschweigen. Das ändert nichts daran, dass der Essay, um den es hier geht, seit sechzig Jahren als eigenständiger, vielfach rezipierter Beitrag zur Kulturkritik gilt.
Der Essay: „Notes on Camp“
1964 veröffentlichte Sontag in der Zeitschrift „Partisan Review“ ein schmales Essay, aufgebaut als eine Folge von 58 nummerierten, aphoristischen Anmerkungen statt als durchgehender Fließtext — ein Format, das selbst schon eine Aussage über den Gegenstand trifft: Camp lässt sich, so Sontags implizite These, nicht in einer geschlossenen Argumentation einfangen, nur in Fragmenten umkreisen.
Sontags Kernthese: Camp ist eine Wahrnehmungshaltung, keine Eigenschaft von Objekten selbst. Sie stellt Stil über Inhalt, Ästhetik über Moral, Ironie über Tragödie — eine Haltung, die dem bewusst Übertriebenen, Künstlichen und „Schlechten“ mit liebevoller statt verächtlicher Distanz begegnet. Ihre bis heute meistzitierte Formulierung lautet sinngemäß, Camp sehe die Welt in Anführungszeichen: Nichts wird als reine, ernstgemeinte Substanz genommen, alles als veränderliches Spiel künstlicher Setzungen.
Was den Essay auch sechzig Jahre später noch lesenswert macht, ist, wie präzise Sontag zwischen zwei Dingen unterscheidet, die im Alltagsgebrauch oft verschwimmen: etwas absichtlich campy zu inszenieren, und etwas unabsichtlich campy wirken zu lassen, weil es mit vollem Ernst gescheitert ist. Genau dieser zweite Fall — das Scheitern mit vollem Ernst, das gerade dadurch anziehend wird — ist die Camp-Spielart, die am meisten über unseren heutigen Umgang mit bewusst trashigen Online-Inhalten verrät.
Warum dieser Essay zu dieser Ausgabe passt
Sontag schrieb 1964 über Filmästhetik, Interior Design, Oper und Mode — über eine Welt in der es noch kein Internet, keine Algorithmen (zumindest nicht digital) und keine künstliche Intelligenz gab. Und trotzdem liefert ihr Essay den vermutlich präzisesten verfügbaren Erklärungsansatz dafür, warum junge Menschen heute bewusst trashige, ironisch gebrochene KI-Inhalte konsumieren, ohne sich davon täuschen zu lassen oder sich dafür zu schämen. Camp als Rezeptionshaltung erklärt, warum jemand ein Video komplett ernst nehmen und gleichzeitig komplett durchschauen kann — beides zur selben Zeit, ohne Widerspruch.
Was Sontag zugleich unmissverständlich macht, und was für die Einordnung dieser gesamten Ausgabe wichtig bleibt: Camp als ästhetische Kategorie beschreibt eine Haltung des Betrachtens, keine moralische Freisprechung der betrachteten Inhalte. Ironische Distanz zum eigenen Medienkonsum schützt niemanden automatisch vor dem, was in genau diesem Medienkonsum unbewusst transportiert wird. Genau diese Doppeldeutigkeit — Ästhetik und Schaden können gleichzeitig in ein und demselben Video vorliegen — findet sich, sechzig Jahre bevor es KI-Fruchtvideos gab, bereits vollständig angelegt in Sontags Essay.
Wie man den Essay lesen kann
Der Essay ist auf Deutsch unter dem Titel „Anmerkungen zu ‚Camp'“ enthalten in Sontags Essaysammlung „Kunst und Antikunst. 24 literarische Analysen“ (S. Fischer Taschenbuch, 384 Seiten, rund 24 Euro), zusammen mit weiteren zentralen Texten wie „Gegen Interpretation“ und „Die pornographische Phantasie“. Wer nur den Camp-Essay selbst lesen möchte, findet ihn im englischen Original auch als schmales, eigenständiges Bändchen unter dem Titel „Notes on Camp“ in der Reihe Penguin Modern (Penguin Classics, 64 Seiten, rund 4 Pfund) — eine kurze Lektüre, die trotzdem nachwirkt.
Anders als Johann Haris „Abgelenkt“, dass ich euch in der ersten Ausgabe dieses Themenblocks empfohlen habe, ist das hier kein Sachbuch mit Recherchereise, Studien und Fallbeispielen, sondern ein knapper, aphoristischer Essay aus einer anderen Zeit. Wer eine kompakte, aber intellektuell fordernde Lektüre sucht, die einen Gedanken durchdekliniert statt ihn zu belegen, ist hier richtig. Wer ein zugängliches, erzählerisches Sachbuch erwartet, sollte eher zu Hari greifen.
Susan Sontag — Kunst und Antikunst. 24 literarische Analysen (enthält „Anmerkungen zu ‚Camp'“)
S. Fischer Taschenbuch, Frankfurt am Main. 384 Seiten. Erhältlich im Buchhandel.
Originaltitel des Essays: „Notes on Camp“, zuerst erschienen in: Partisan Review, 1964. Eigenständige englische Ausgabe: Notes on Camp (Penguin Modern), Penguin Classics, 2018, 64 Seiten.
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